Die 70 Franken lockten ihn
03.03.2026 Muri, Porträt, FussballNicht nur auf dem Rasen
Fedayi San beim Club 50 des FC Muri
Er pfeift seit 15 Jahren Spiele in der höchsten Schweizer Fussball-Liga und auch international sammelte Fedayi San ganz viel Erfahrung. Mittlerweile ist er auch VAR-Schiedsrichter und ...
Nicht nur auf dem Rasen
Fedayi San beim Club 50 des FC Muri
Er pfeift seit 15 Jahren Spiele in der höchsten Schweizer Fussball-Liga und auch international sammelte Fedayi San ganz viel Erfahrung. Mittlerweile ist er auch VAR-Schiedsrichter und konsultiert bei Champions-Leagueoder EM-Spielen die Videobilder, um Fehlentscheide möglichst zu vermeiden. Nun war San zu Gast beim Club 50 des FC Muri auf dem Horben. --ake
Fedayi San gab als Gast des Clubs 50 des FC Muri Einblick in seinen Schiedsrichter-Alltag
Er pfeift Spiele in der höchsten Schweizer Spielklasse, ist auch international unterwegs – mittlerweile fast ausschliesslich als VAR-Schiedsrichter. «Dabei wollte ich eigentlich nie Schiedsrichter werden», sagt Fedayi San. Immer unter Beobachtung zu sein, das ist der Nachteil seines beruflichen Lebens.
Annemarie Keusch
«Wie heisst dein Hund?» Es sind Fragen dieser Art, die Fedayi San als junger Fussballer hie und da den Schiedsrichtern stellt. Dass das nicht gut ankommt, liegt auf der Hand. «Ich mochte die Schiedsrichter nicht und erhielt ab und an eine Rote Karte», sagt er rückblickend. Schiedsrichter zu werden, erst recht als Profi, das war entsprechend weit weg. An Grümpelturnieren aus Spass zu pfeifen, anstatt an der Fritteuse mitzuhelfen – mehr konnte er sich damals nicht vorstellen. «Bis Luigi Ponte mich entdeckte.» Heute lacht Fedayi San selbst über diese Formulierung. San und Ponte sind Mitglieder des FC Windisch, kennen sich. Und Ponte sieht, dass San die Sache als Schiedsrichter gut macht, auch auf Stufe Grümpelturnier. Die erste Gegenfrage, die der junge Fedayi San damals stellte: «Was verdiene ich pro Spiel?» Die 70 Franken überzeugten ihn damals.
«Das kann auch ein Antrieb sein», meint Wädi End, Präsident der Gönnervereinigung des FC Muri. Die Mitglieder des Clubs 50 lachen. Auch weil sie wissen, dass daraus längst mehr geworden ist. Fedayi San ist Profi-Schiedsrichter. Und er hat eine beachtliche Laufbahn hinter sich, wobei vor allem das Tempo erstaunt. In weniger als fünf Jahren stieg er als offizieller Schiedsrichter von den C-Junioren in die 1. Liga auf. «Ich war im Flow», sagt er. Doch dann begann der Motor zu stottern, San sah sich auf der letzten Position der 1.-Liga-Schiedsrichter wieder. «Ich hatte das Messer am Hals, zum ersten Mal.» Die Spieler nicht duzen, sie nicht anfassen. «Mein Gott, ich bin Südländer, ich fasse auch mal jemandem an die Schulter, um ihn zu beruhigen.» Die schlechte Bewertung ist aber vielleicht mit ein Grund, weshalb es nachher wieder schnell aufwärts ging. Seit 15 Jahren pfeift Fedayi San in der höchsten Schweizer Liga.
Highlight: Griechisches Derby
Und er hat auch international einiges erlebt. Nach seinem Highlight gefragt, nennt er das griechische Derby zwischen Olympiakos Piräus und PAOK Saloniki. «Die Griechen holen für besonders brisante Spiele immer Schiedsrichter aus dem Ausland.» San sagte spontan zu, nicht im Wissen darum, dass dieses griechische Derby zu den zehn schwierigsten weltweit gilt. «Dann machte ich den Fehler, zu recherchieren. Tage vor dem Spiel waren lange Artikel über mich in der griechischen Presse zu lesen.» Ausgepfiffen wurde er schon vor dem Spiel, bei der Kontrolle 90 Minuten vor Anpfiff. «Das Stadion war schon voll. In der Schweiz ist das undenkbar.» Schlafen konnte er die Nacht vor dem Spiel nicht. «Schliesslich war es aber für mich als Schiedsrichter eines der einfachsten Spiele.»
Er freue sich auf jedes Spiel – nach wie vor. «Aber nach zehn Minuten hoffe ich, dass es bald vorbei ist. Und das möglichst ohne Fehler. Etwas, was in keinem Spiel erreicht wird.» Schiedsrichter zu sein, ist Fedayi Sans Beruf geworden. Er ist mittlerweile Vollprofi. «Ich schaffte es nicht mehr, alles unter einen Hut zu bringen», sagt der gelernte Sanitär und Heizungstechniker. Dass er nicht das Schiedsrichter-Sein aufgegeben hat, beschreibt San so: «Es ist wie eine Sekte. Wenn man drin ist, kommt man nicht mehr raus.» Zu viel investierte Zeit, zu viel Spass am Fussball. «Das ist nicht immer gleich. Oder wer von Ihnen geht an jedem einzelnen Tag gleich gerne zur Arbeit?» Betretenes Grinsen, niemand meldet sich.
Fingerspitzengefühl – nur im Umgang, nicht bei den Regeln
International tritt San nur noch als VAR-Schiedsrichter auf, auch in der Champions League oder an der letzten Europameisterschaft in Deutschland. «Mit dem VAR hat sich der Blitzableiter verschoben.» Bei Fehlentscheidungen auf dem Platz ist nicht mehr der Schiedsrichter der Buhmann, sondern der VAR-Schiedsrichter. Die Unterstützung am Bildschirm stärke den Schiedsrichter auf dem Feld, davon ist Fedayi San überzeugt. Ob sich ein Spieler wirklich wegen Schmerzen windet? Ob der Ball unerlaubt an die Hand klatschte? «Dank VAR hat der Schiedsrichter auf dem Feld mehr Selbstvertrauen.» Aber er macht auch Schwierigkeiten geltend, vor allem im internationalen Fussball. In der Schweiz sind es acht bis zwölf Kameras, die es beispielsweise bei möglichen Penalty-Szenen zu konsultieren gilt, an der letzten EM in Deutschland waren es 49. «Logisch, dass es da etwas länger geht, bis alles klar ist.»
Fingerspitzengefühl. Auch das wird von den Schiedsrichtern erwartet. «In Bezug auf die Regelauslegung gibt es das nicht. Sonst wäre ein Team bevorteilt», sagt San deutlich. Anders sehe es im Management aus. «Wenn ein Spieler wütend ist, dann lasse ich ihn auch mal zehn Sekunden toben, bevor ich ihn zu mir zitiere.» Alles andere bringe je nach Situation nichts. Überhaupt, nach 15 Jahren in der Super League kennt Fedayi San «meine Pappenheimer». Er weiss, wer sich schnell fallen lässt, wessen Entschuldigungen nach den Spielen ehrlich gemeint sind, wer sich Sticheleien, auch gegen den Unparteiischen, erlaubt. Erfahrung hilft eben auch im Schiedsrichter-Dasein.


