Die Vorstellung vom letzten Weg
16.04.2024 Kelleramt, JonenJonen: Die reformierte Pfarrerin Cindy Studer-Seiler im Gespräch über aktuelle Trends bei Bestattungen
Mit dem Unternehmen «Personal Pastor» vereint Pfarrerin Cindy Studer-Seiler in der Organisation von Trauerfeiern spirituelle und weltliche Elemente. ...
Jonen: Die reformierte Pfarrerin Cindy Studer-Seiler im Gespräch über aktuelle Trends bei Bestattungen
Mit dem Unternehmen «Personal Pastor» vereint Pfarrerin Cindy Studer-Seiler in der Organisation von Trauerfeiern spirituelle und weltliche Elemente. «Egal ob gläubig oder ohne Konfession – das Bedürfnis, Rituale in das Abschiednehmen einzubauen und damit die letzte Würde zu erweisen, ist noch immer weitverbreitet», so die Pfarrerin.
Celeste Blanc
Ruhig ist es in der katholischen Kirche in Jonen an diesem Nachmittag. Hier, wo Kinder getauft, Verliebte getraut und Verstorbene verabschiedet werden, spürt man eine besondere Form von Besinnlichkeit. «Kirchen sind wunderbare Räume. Hier wird gefeiert, gleichzeitig lassen sie zur Ruhe kommen und Gedanken ordnen», so Cindy Studer-Seiler, die in der vordersten Reihe sitzt. Als reformierte Pfarrerin im Kelleramt tätig, ist sie mit vielen Menschen in Berührung gekommen, kennt die Themen, die beschäftigen, und die Fragen, die sich vor allem in Bezug auf den Tod immer wieder stellen. «Das Ableben ist für die Hinterbliebenen meist mit viel Schmerz verbunden. Deshalb kann das individuelle Abschiednehmen ein heilsamer Prozess der Akzeptanz sein», weiss sie.
Noch immer von Religion geprägt
Um Menschen in dieser Trauer zu begleiten, hat Studer-Seiler vor zehn Jahren ihr Unternehmen «Personal Pastor» ins Leben gerufen. Mit diesem Dienst organisiert die Pfarrerin als selbstständige freie Trauerrednerin Beerdigungen mit oder ohne religiösspirituellen Bezug. Auf die Frage, ob das mit ihrer Tätigkeit als Pfarrerin vereinbar ist, meint sie: «Es steht der Mensch im Zentrum. Zuerst die Bedürfnisse des Verstorbenen, dann aber jene der Hinterbliebenen. Dabei spielt die Konfession für mich keine Rolle.»
Schon seit einiger Zeit ist die Art und Weise, wie bestattet wird, im Wandel. Immer mehr Möglichkeiten und Angebote sind auf dem Markt. So werden nebst dem Begräbnis auf dem Friedhof oder der Verstreuung der Asche in der Natur auch Eventlocations und neutrale Abdankungshallen immer populärer.
Damit einhergehend können auch die Trauerfeiern persönlicher gestaltet werden: Wurde diese früher ausschliesslich von der Kirche durchgeführt, ist das Angebot um von der Kirche unabhängige Trauerredner stark gewachsen.
Auch Cindy Studer-Seiler sieht in ihrer Arbeit gewisse Trends. Einer ist, dass Menschen meist keine traditionelle kirchliche Abdankung wünschen – selbst wenn sie einer Kirche angehören. «Manche können sich nicht mit den vorgegebenen und starren Strukturen in der Kirche anfreunden und wünschen die Gestaltung auf ihre Bedürfnisse angepasst», so Studer-Seiler. Dennoch würden oftmals religiöse Riten noch immer eine wichtige Rolle spielen, «einfach in modernem Gewand», wie Studer-Seiler es nennt. «Unsere Gesellschaft ist noch immer christlich geprägt. Aber Form, Örtlichkeit und Sprache haben sich verändert.» Obwohl mittlerweile Formen und Riten aus anderen respektive früheren Kulturkreisen wie Flussbestattungen oder Feuerrituale immer mehr gewünscht sind, ist das Kerzenritual nach wie vor eines der beliebtesten. Die Vermischung der verschiedenen Elemente sei an sich eine wunderbare Gelegenheit, Spiritualität und Religion zu verbinden. «Das eine darf das andere nicht ausschliessen», so die Pfarrerin weiter. Und sie erzählt von Kindern, die an der Trauerfeier ihres Vaters das «Vaterunser» wünschten. «Alle waren konfessionslos, hatten keinen Bezug zu Gott. Doch weil der Vater früher mit ihnen das ‹Vaterunser› gebetet hat, ist damit eine Kindheitserinnerung verknüpft, die alle mit ihm tief verband.»
Angebot immer gefragter
Als freie Trauerrednerin ist Studer-Seiler im ganzen Aargau sowie den angrenzenden Kantonen unterwegs. Vor allem in den letzten drei Jahren wurde ihr Angebot immer mehr wahrgenommen, und zwar von katholischen, reformierten und konfessionslosen Angehörigen gleichermassen. Auch richtet Studer-Seiler viele Trauerfeiern aus für Menschen, die durch einen Suizid oder mit Exit aus der Welt geschieden sind. Wieso, das kann die Pfarrerin nur vermuten. «Vielleicht, weil mein Angebot losgelöst von einem traditionellen kirchlichen Abschied stattfindet und damit mit vielen verschiedenen Vorstellungen kompatibel ist.» Studer-Seiler ist Trauerrednerin und -begleiterin aus Leidenschaft. Zahlreiche Weiterbildungen hat sie zum Thema absolviert und doziert auch selber an Kursen. Für Anfragen nimmt sie sich viel Zeit. Nur bei zwei Fällen grenzt sie sich ab: Sie führt keine «Kurzabschiede» durch. Und sie ist nicht in dem Raum selbstständig tätig, in dem sie als Pfarrerin arbeitet. «Im Kelleramt bin ich Pfarrerin für die Mitglieder – ausserhalb des Kelleramts begleite ich Angehörige beim Abschied einer geliebten Person. Das sind zwei Hüte, die ich nicht vermischen möchte, auch wenn sie sich inhaltlich nicht unterscheiden.» Da das Angebot auf immer grössere Nachfrage stösst, hat sie zwischenzeitlich mit Pfarrerin Irina van Bürck eine Geschäftspartnerin gefunden, die sich auch auf das Thema Trauer und Tod spezialisiert hat.
Es geht um die Menschlichkeit
Der Tod als letztes Ziel des Lebens – für Cindy Studer-Seiler hat das Thema «Lebensende» einen ganz besonderen Stellenwert in ihrem Leben. Doch woher kommt die Faszination für den Tod? «Der Tod ist die knallharte Antwort auf die Sinnfrage», meint sie. «Wie will ich mein Leben leben? Welche Spur möchte ich hinterlassen? Wenn man den Tod in sein Leben integriert, weiss man, wo die eigenen Werte liegen.»
Herausfordernd hingegen könne es manchmal sein, die verschiedenen Vorstellungen der Hinterbliebenen unter einen Hut zu bringen. «Der Tod bringt Emotionen hervor, nicht nur positive. Da kann es in einer Familie schon mal krachen.» Deshalb schätzt sie an ihrem Beruf besonders die Nähe, die sie zu den Menschen bekommt. «Sie lassen einen in ihr Leben in einem ihrer intimsten emotionalen Momente. Es braucht viel Fingerspitzengefühl, um Streitigkeiten in dieser Konstellation zu bewältigen», erzählt sie. Doch dafür sei der Ertrag ihrer Arbeit umso schöner: «Die Dankbarkeit, die man von den Familien erhält, ist unbezahlbar.»

