Die wohl Letzte ihrer Art
28.07.2026 KelleramtLisebeth Huber unterrichtete über 30 Jahre lang die Unterlunkhofer Erstklässler bei ihr zu Hause in Religion
Vom ersten Advent bis an Pfingsten, jeweils am Freitagnachmittag. Dann wurde die Stube von Lisebeth Huber in Unterlunkhofen zum Schulzimmer. Die ...
Lisebeth Huber unterrichtete über 30 Jahre lang die Unterlunkhofer Erstklässler bei ihr zu Hause in Religion
Vom ersten Advent bis an Pfingsten, jeweils am Freitagnachmittag. Dann wurde die Stube von Lisebeth Huber in Unterlunkhofen zum Schulzimmer. Die Erstklässler des Dorfes kamen zu ihr nach Hause in den Religionsunterricht. Damit ist nun Schluss, aber Huber blickt dankbar zurück.
Annemarie Keusch
Irgendwie tönt es nach einem Relikt aus vergangener Zeit. Aber in Unterlunkhofen war es die letzten rund 30 Jahre lang Realität. Jeweils von Anfang Dezember bis an Pfingsten spazierten die Erstklässlerinnen und Erstklässler am Freitagnachmittag auf den Hof der Familie Huber. Hier, auf dem Lindenhof zwischen Dorf und Reuss, kamen sie in den Religionsunterricht. Nicht in einem Schulhaus, sondern in der Stube von Lisebeth Huber. «Ja, viele machen das nicht mehr», weiss sie. Fremde Kinder bei sich zu Hause haben. Woran sich andere gestört hätten, daran erfreute sich Lisebeth Huber. «Damit hatte ich nie Mühe.» Und auch die Kinder seien immer gerne gekommen. Ein alljährliches Gruppenbild gehörte immer ganz selbstverständlich dazu. «Die letzte Gruppe wünschte, dieses bei den Kühen zu schiessen.»
Aufbewahrt hat Lisebeth Huber natürlich alle 30 Bilder. Alle Gruppen. Alle Erstklässlerinnen und Erstklässler, die sie je in Religion unterrichtete. «Ja, mich kennen viele im Dorf», meint sie und lacht entsprechend. Und nicht selten sind auf den Fotos auch Kinder, die sie besser kennt. Anfangs ihre Kinder, mittlerweile ihre Enkelkinder. Huber ist Mutter von elf Kindern, die Familie ist entsprechend gross. Als die jüngste Tochter in die erste Klasse kam, startete sie mit dem Heimgruppenunterricht. Huber war schon immer eine regelmässige Kirchgängerin. «Und ich mochte Kinder schon immer.» Als die Anfrage für den Heimgruppenunterricht kam, zögerte sie entsprechend nicht. «Die Kirche war immer mein Kraftort. Der Heimgruppenunterricht der Ausgleich zum Alltag mit den Kindern und dem Hof.»
Wöchentlicher Lebkuchen
Das Grundlegendste vermitteln, das war dabei Lisebeth Hubers Aufgabe. Ein Fokus lag natürlich auf Weihnachten und auf Ostern. «Auch wenn Ostern, der Leidensweg und die Auferstehung, für die Kinder schwer greifbar sind.» Huber hat immer versucht, möglich spielerisch damit umzugehen. Indem sie beispielsweise die drei Könige im Wald versteckte und die Kinder diese suchen mussten. Wichtiger als das Vermitteln der Hintergründe von Feiertagen war ihr indes immer das Vermitteln der christlichen Werte. «Dass sie auch danken und nicht nur um etwas bitten.» Einander helfen, nach Streitigkeiten oder Differenzen Frieden zu machen, zu teilen. Das galt auch für den Lebkuchen, den Huber wöchentlich für den Heimgruppenunterricht backte.
Geschichten zu erzählen, das gehörte immer dazu. «Überhaupt, der Inhalt hat sich in den rund drei Jahrzehnten nicht wirklich verändert», erzählt die 76-Jährige. Das Basteln gehörte jeden Freitag dazu. Ob einen kleinen Engel zu Weihnachten oder ein Fernrohr, mit dem der Blick in die Sterne leichter fällt. Was indes anders wurde, ist die Anzahl Kinder. Anfangs waren es bisweilen auch zwei Gruppen, wenn es mehr als acht Kinder waren. «Das ist nun aber schon lange nicht mehr passiert. Das ist eine Zeiterscheinung und es bringt nichts, wenn ich mich daran aufhalte.» Lieber fokussierte sie sich auf die Kinder, die da waren. Ihre gespannten Augen, wenn sie ihnen aus einem Buch erzählte. Ihre zufriedenen Gesichter, wenn sie sich nach rund einer Stunde wieder auf den Heimweg machten.
Vor einem Jahr angekündigt
Das löste auch in Lisebeth Huber viel Erfüllung aus. «Natürlich brauchte es auch Energie. Je nach Gruppe mehr oder weniger», gesteht sie. Diese Stunde mit den Kindern habe ihr aber viel gegeben. 30 Jahre lang. Ausgefallen ist der Heimgruppenunterricht kein einziges Mal. «Darum fiel mir auch der Entscheid, aufzuhören, alles andere als leicht.» Schon vor einem Jahr kündigte sie an, dass sie kürzertreten will. «Es gab Eltern, die mich überreden wollten, doch noch weiterzumachen. Aber viele verstanden den Entscheid.» Damit geht nicht nur die Geschichte von Lisebeth Huber als Heimgruppenleiterin zu Ende, sondern auch jene des Heimgruppenunterrichts in Unterlunkhofen. «Das tut mir schon weh, aber es ist eben so», sagt Lisebeth Huber. Sie werde wohl erst im November so richtig spüren, dass ihr etwas fehlt. Dann, wenn die Kinder wieder jeden Freitagnachmittag auf den Lindenhof spaziert wären.
Langeweile droht in Lisebeth Hubers Leben deswegen aber gar keine aufzukommen. Quasi täglich sind Enkelkinder zu Gast. «Ich werde nach wie vor immer viele Kinder um mich haben. Zum Glück», meint sie und lacht. Auch während des Gesprächs ist eine ihrer Enkeltöchter da. Sie spielt im Sandkasten, bringt hie und da besonders schöne Steine an den Tisch. Und sie will Glace essen – morgens um 11 Uhr. Ganz ruhig versucht sie Lisebeth Huber von diesem Wunsch abzulenken. Aus der Ruhe lasse sie sich selten bringen. Wer gewohnt ist, dass regelmässig und seit 30 Jahren sechs bis acht fremde Kinder am Tisch sitzen, und vorher elf Kinder grosszog, der hat eben Erfahrung.
Grosses Engagement im Kirchenchor
Und Lisebeth Huber hat die Ruhe. Das Vertrauen, das wohl auch im Glauben fusst. Als Präsidentin des Kirchenchors Lunkhofen engagiert sie sich übrigens weiterhin für die Kirchgemeinde. Im Herbst steht das grosse 230-Jahr-Jubiläum an, samt Aufführung der Petite Messe solennelle von Gioachino Rossini. «Jetzt habe ich mehr Zeit dafür», sagt sie. Das Singen tue ihr extrem gut. «Aber natürlich auch das Miteinander im Verein, der Austausch.» Schon seit über 40 Jahren singt Lisebeth Huber im Kirchenchor mit. Hier im Dorf und in der Region, wo sie lebt. «Ich konnte nie Auto fahren, war immer mit dem Velo unterwegs.» Der kleinere Radius lasse sie noch mehr schätzen, was es vor Ort gibt – allen voran der Kirchenchor.

