Einsamer Arbeitsplatz an der Bünz
21.07.2026 Region Oberfreiamt, BünzenDen Kreislauf des Wassers schliessen
Sommerserie «Redaktoren schnuppern»: in der ARA in Bünzen
Vorne kommt das Wasser dreckig rein, hinten soll es sauber wieder rauskommen. So weit, so klar. Doch was in einer ARA im Detail geschieht und ...
Den Kreislauf des Wassers schliessen
Sommerserie «Redaktoren schnuppern»: in der ARA in Bünzen
Vorne kommt das Wasser dreckig rein, hinten soll es sauber wieder rauskommen. So weit, so klar. Doch was in einer ARA im Detail geschieht und welche Arbeiten dabei tagtäglich anfallen, das dürfte den meisten weniger bewusst sein. Im Rahmen dieser Sommerserie erhalten Redaktoren dieser Zeitung Einblick in verschiedene Berufe – und dürfen selbst mit anpacken.
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Sommerserie «Redaktoren schnuppern»: Als Hilfsarbeiter in der ARA Chlostermatte
Schnuppern in der ARA? Auf die naheliegenden Witze wird hier bewusst verzichtet. Aus Respekt vor einer Aufgabe, die vielfältige Fähigkeiten verlangt – wie ich an einem spannenden Dienstagmorgen selbst erfahren durfte.
Thomas Stöckli
Die Fenster und Türen stehen offen im Betriebsgebäude der ARA Chlostermatte in Bünzen. «Das ist das Erste, was ich am Morgen mache», sagt Klärmeister Ruedi Birrer. Die permanente Hitze der letzten Wochen macht sich auch hier bemerkbar. Nicht nur in Bezug auf die Arbeitsplatzbedingungen. Es kommt auch deutlich weniger Abwasser als sonst. Von den 65 Litern pro Sekunde, welche die Anlage maximal leisten kann, ist man derzeit weit entfernt.
Weniger zu tun gibt es deswegen allerdings nicht, schliesslich ist die «Sosse» nur etwas weniger verdünnt. Gleich nach der Begrüssung geht es los. Birrer führt zum Zulauf hinter dem Rechen und entnimmt die erste Wasserprobe. Hier stinkt es noch richtig nach Fäkalien. Am penetrantesten im geschlossenen Rechenraum daneben. Die nächste Probenentnahme, nach der Klärung, läuft dann fast ohne Gestank ab. Für Birrer ist das Alltagsroutine.
Im Januar übernimmt das Team der ARA Wohlen
Wenn er nicht da ist – an drei von vier Wochenenden im Monat –, tun dies seine drei routinierten «Pikettmannen», während seiner Ferien die Kollegen von der ARA Wohlen. Seit zwei Jahren ist die Stellvertretung so geregelt. Ab 1. Januar wird Wohlen komplett übernehmen. Dann geht Ruedi Birrer in Pension. Über 30 Jahre nachdem er als «Pikettmann» eingestiegen ist und nach 26 Jahren als Klärmeister.
Vorübergehend führen die Wohler den Betrieb dann weiter, wie sie es auch in der ARA Falkenmatt, Hendschiken, tun. Mittelfristig sollen die Abwässer der Verbandsgemeinden Besenbüren, Boswil, Bünzen und Kallern dann in die ARA Wohlen gepumpt werden. Eine eigene vierte Reinigungsstufe, wie sie der Kanton mittlerweile fordert, um Kleingewässer wie die Bünz zu entlasten, würde sich in der Chlostermatte nicht lohnen.
Daten erfassen und dokumentieren
Die Probenentnahmen sind Teil eines rund anderthalbstündigen Standardprogramms, das es jeden Tag zu absolvieren gilt. Ausnahmslos. Mit mir geht es etwas länger als sonst. Schliesslich muss Birrer viel erklären. Und bei mir dauert mangels Routine natürlich jeder Handgriff etwas länger. Wir machen allerdings auch mehr als «nur» die Standardrunde, im Sinne eines umfassenderen Einblicks.
Dreimal pro Woche kommt zur täglichen Runde nämlich noch das «kleine Labor» hinzu, einmal das «Hauptlabor». Die Ergebnisse werden akribisch dokumentiert und an die Vertragsgemeinden sowie an den Kanton rapportiert. Die aktuellen Wasserproben müssen darüber hinaus 24 Stunden aufbewahrt werden, damit der Kanton die Resultate anhand von Stichproben verifizieren kann.
Proben entnehmen mit der Kanne am langen Stiel
Doch vorerst begeben wir uns auf den Tagesturnus, in der Biologie kann ich meine erste Probe entnehmen. Die Kanne am langen Stiel ins Becken eintauchen und in die Kunststoffflasche mit Schraubverschluss umleeren. Dann noch eine zweite aus dem Schlamm-Rücklauf. «Das wird uns zeigen, ob die Biologie funktioniert», erklärt Ruedi Birrer.
Zur Anwendung kommt etwas später die Absetz-Probe. 30 Minuten lässt man der Biomasse Zeit, sich im Glasbehälter zu setzen, dann wird der Pegelstand gemessen. Am Absetz-Volumen erkennt der Fachmann sofort, wenn im Biologie-Becken etwas nicht stimmt, weil zum Beispiel der Räumer nicht mehr läuft. Doch vorerst geht es draussen weiter: Zusätzlichen Aufschluss liefert hier die Sichtkontrolle. So kann sich typischerweise bei Temperaturwechseln im Frühling oder im Herbst Schwimmschlamm bilden, der die Biologie beeinträchtigt. Da helfe die Zugabe von Aluminium, weiss der Klärmeister. Nicht das einzige Metall, das zum Einsatz kommt: Oxidiertes Eisen bindet den Phosphor und sorgt dafür, dass sich die Flocken absetzen. Weiter wird der Biomasse über Gebläse konstant Sauerstoff zugeführt.
Pegelstand, Waage und Photometer geben Aufschluss
«Wenn ich das Labor mache, bin ich zwei, drei Stunden dran», sagt Ruedi Birrer. Neun verschiedene Tests gehören zum Pflichtprogramm. Unter anderem wird das Wasser auf seinen Ammoniak-, Nitrat-, Phosphat- und Stickstoffgehalt getestet. Dazu müssen Proben filtriert, erhitzt oder mit vorbereiteten Lösungen vermischt werden. Der Pegelstand, die Waage oder das Photometer geben schliesslich Aufschluss über die Konzentration verschiedener Stoffe vor und nach dem Klärvorgang. «Allein das dazu benötigte Labor-Verbrauchsmaterial kostet rund 10 000 Franken pro Jahr», veranschaulicht Ruedi Birrer. Wobei nicht alle Messinstrumente teuer sein müssen. Für die Temperaturmessung tut es ein simples Thermometer, die Sichttiefe wird mit einer Stange bestimmt, an deren Ende eine weisse Scheibe montiert ist.
Zum Rundgang gehören auch Reinigungsmassnahmen. Teils mechanisch mit Muskelkraft, wo möglich mit Wasserdruck aus dem Schlauch. Ideale Aufgaben für den «Halbtags-Stift». Als Brauchwasser kommt dabei das gereinigte Abwasser zum Zug. Wenn man diese Arbeit vernachlässigt, bilden sich Krusten, die sich nur noch mit grossem Aufwand entfernen lassen, erklärt der Klärmeister. Weiter geht es einmal durch alle Räume, vorbei an allerlei Kompressoren und Stromaggregaten. Hier wird der Ölstand kontrolliert, da der Zustand eines Keilriemens, dort die Dichtigkeit eines Behälters. Wenn es etwas zu reparieren gibt, erledigt Birrer das nach Möglichkeit selbst.
Verschiedenste Fähigkeiten sind gefragt
Das Aufgabengebiet ist komplex und das Areal gross, die Bauten sind verwinkelt und die Treppen lang. Danach gefragt, welche Fähigkeiten es braucht, um seinen Job ausüben zu können, spricht Ruedi Birrer vom «Allrounder», zuvor allerdings noch von ganz etwas anderem: «Man muss allein sein können.» Kaffeemaschine hat er bewusst keine. Zum Znüni trifft er sich im Dorf mit anderen. Denn Besuch gibt es selten in der Chlostermatte. Nicht jeden Tag steht ein Journalist als «Hilfsarbeiter» auf der Matte.
Und den Gestank? Den trägt der Klärmeister mit Fassung. Wobei die Fäkalien gar nicht das Schlimmste seien. Was sich penetranter festsetzt, ist der Verwesungsgeruch aus der Kadaversammelstelle. Einmal in der Woche steht dort die Leerung und Säuberung an. «Für das habe ich extra zwei Kombis», sagt Birrer, «den Geruch bringt man nämlich kaum aus den Kleidern raus.» Doch das wäre Stoff für eine eigene Geschichte.
«Redaktoren schnuppern»
In dieser Sommerserie blicken Redaktorinnen und Redaktoren hinter die Kulissen von anderen Berufen. Sie begleiten jemanden mindestens einen halben Tag lang, packen mit an und berichten darüber.
Bereits erschienen: Stefan Sprenger als Kosmetiker, Ausgabe vom 14. Juli.




