Gute Stimmung über allem
24.02.2026 Muri, PorträtJosef Villiger tritt ab
10 Jahre lang leitete er das St. Martin in Muri
Ende Woche ist Schluss. Mit einem grossen Fest für Mitarbeitende, Bewohnerinnen und Bewohner und Wegbegleiter nimmt Josef Villiger Abschied vom Altersheim St. Martin in Muri. Gut ...
Josef Villiger tritt ab
10 Jahre lang leitete er das St. Martin in Muri
Ende Woche ist Schluss. Mit einem grossen Fest für Mitarbeitende, Bewohnerinnen und Bewohner und Wegbegleiter nimmt Josef Villiger Abschied vom Altersheim St. Martin in Muri. Gut zehn Jahre lang leitete er dieses als Geschäftsführer. Leicht waren vor allem die Anfangszeiten nicht. Villiger blickt zurück und sagt, was ihm besonders wichtig war. --ake
Josef Villiger geht Ende Monat als Geschäftsführer des Altersheims St. Martin in Pension
Gut zehn Jahre führte Josef Villiger die Geschicke des St. Martin. Dabei hat er ganz viele Spuren hinterlassen – vor allem im zwischenmenschlichen Bereich. Hinzu kommen weitere Meilensteine, in Form von Labels oder im Bereich des betreuten Wohnens. Josef Villiger blickt zurück. «Ja, auch mit Stolz.»
Annemarie Keusch
Warum er immer dann geht, wenn es gut läuft. Es ist eine ganz simple Frage seiner Frau, die Josef Villiger zum Lachen, aber auch zum Nachdenken anregt. «Weil dann mein Job getan ist.» Nicht, dass es ihm dann langweilig werden würde. Aber Villiger mag eben Herausforderungen. Aufgaben, von denen andere noch so gerne die Finger lassen, nimmt er gerne an. Das wiederholt sich in seiner Biografie immer wieder. Und ist auch bei seiner letzten Station im Berufsleben nicht anders.
Familiengericht, Amtsvormundschaft, soziale Dienste. Villiger studierte «Social Services and Healthcare Management» an der Hochschule Luzern. Sein Rucksack war prall gefüllt mit Erfahrungen, als er im September 2015 die Stelle im St. Martin antrat. «Dennoch, ich war Quereinsteiger, hatte keine Ahnung.» Beworben hat er sich trotzdem. «Weil ich auf zwei Frauen hörte.» Eine langjährige berufliche Weggefährtin. Und seine Frau. Frisch von der Leber, so war Villiger damals. So ist er auch zehn Jahre später. Dass es um das St. Martin damals nicht wirklich gut stand, sagt er nicht, um sich hervorzuheben. «Es ist einfach eine Tatsache.» Ein halbes Jahr ohne Führung – da wäre es wohl vielerorts nicht einfach. Für ihn aber kein Grund, um mit Vorurteilen anzufangen. «Das ist meine Stärke. Ich bin gut darin, Menschen zu lesen und ihre Ressourcen einzuschätzen.»
Freiheiten ermöglichen
Rückblickend sagt Villiger aber auch, dass er Glück gehabt habe. Glück, früh die richtigen Personen eingestellt zu haben. «Sonst wäre dieses Projekt gescheitert, keine Frage.» Denn fachlich, gerade im pflegerischen Bereich, ist der Geschäftsführer nach wie vor kein Experte. «Vertrauen ist wichtig. Das Miteinander muss verinnerlicht sein. Ich kann die Voraussetzungen schaffen, damit in den verschiedenen Bereichen ein gutes Funktionieren möglich ist. Für dieses Funktionieren müssen die Mitarbeitenden aber selber sorgen.» Es ist die Art von Miteinander, die Josef Villiger wichtig ist.
Überhaupt, eine gute Unternehmenskultur steht für ihn an der Basis von Erfolg. Miteinander lachen zu können, einander zu akzeptieren. «Und das nicht nur zu sagen, sondern auch wirklich zu leben.» Dass ihm das gelungen ist, mache ihn stolz und glücklich. «Überhaupt, das St. Martin steht sehr gut da, ist für die Zukunft bestens aufgestellt.» Dass dies dabei auch ihm zu verdanken ist, liegt auf der Hand. «Aber auch vielen anderen, ob im Stiftungsrat, im Gönnerverein oder als Mitarbeitende.» 56 Personen arbeiten im St. Martin. Dass das Miteinander im Team funktioniert, war ihm stets wichtig. Ob Abwascherin oder Stationsleitung – von Hierarchien wollte Villiger nie viel wissen. Zum Miteinander gehören aber nicht nur die Mitarbeitenden, sondern auch die Bewohnenden, die Mieter. «Wenn alle einander auf Augenhöhe begegnen, dann funktioniert vieles besser», sagt Villiger. Das allmorgendliche «Guten Morgen» im Speisesaal gehörte für ihn immer dazu.
Bistro wiederbelebt
In den gut zehn Jahren hat sich im Altersheim St. Martin ganz vieles gewandelt. Meilensteine gibt es mehrere. 2017 wurden zwei neue Ferienzimmer eröffnet. 2020 folgte der Bau des Mäderhauses, womit das St. Martin auch den Bedarf an Wohnen im Alter abdecken kann. Die Bewohnenden können dabei bei Bedarf Dienstleistungen des Stammhauses beziehen. Mit dem Kauf des Egenterhauses und dem Erweiterungsbau Nord sind die Weichen auch im Bereich Immobilien weiterhin auf Zukunft gestellt. Als Meilenstein nennt Villiger aber auch das Wiederbeleben des Bistros. Ein Ort, der das St. Martin offen erlebbar macht. «Dass dies auch genutzt wird, freut uns sehr.»
Villiger war es aber auch wichtig, den Betrieb im Pflegebereich vorwärtszubringen. Verschiedene Labels wurden erreicht. «Wir liessen den Betrieb komplett röntgen. Nur so sieht man, wo man wirklich steht. Für eine Weiterentwicklung ist das zentral.» Und Villiger nennt auch die Zusammenarbeit mit der Pflegimuri im Technik-Bereich als Meilenstein. «In diesem Bereich jagt eine Veränderung die andere. Da müssen wir die Kräfte bündeln, um mithalten zu können.» Das Konkurrenzdenken sei weg. «Sich darum sorgen, dass das Haus voll ist, muss aktuell keine Pflegeinstitution.» Eine Herausforderung und vielleicht Potenzial für ein Konkurrenzdenken sieht Villiger viel eher im Mangel an Fachpersonal. «Entsprechend wichtig ist es, innovativ zu sein und am Ball zu bleiben.»
Bis zum Schluss Vollgas
Das hat Josef Villiger im St. Martin immer versucht. Krankengeschichten werden nicht mehr per Bleistift notiert, wie es zu seinen Anfängen war. Die Arbeitspläne sind nicht mehr ans Anschlagbrett gepinnt und sakrosankt. Vieles ist flexibler geworden. «Muss es auch.» Und genau diese Flexibilität gehört zu Josef Villiger. Die Offenheit. Die Freude. Die «Usestuehlete» rief er zwar als Privatperson mit ins Leben, aber auch im Wissen, dass genau solche Anlässe dem St. Martin guttun. Dem Miteinander.
Ende Woche nun tritt er ab. Noch ist das Büro nicht geräumt. Die vielen Bilder hängen noch an der Wand. «Das mache ich am Donnerstagmorgen», sagt er und lacht. Es ruhiger nehmen, das Tempo reduzieren, das tut Josef Villiger nicht. «Das entspricht nicht mir. Vollgas bis am letzten Tag.» Ob ihm der Abschied leichtfällt? «Das kann ich wohl erst am letzten Tag oder sogar noch später richtig einschätzen.» Natürlich werde er das Team und die Bewohner vermissen. «Und ja, das St. Martin bedeutet mir viel und ist mehr als nur ein Arbeitgeber für mich.» Trotzdem stimme jetzt der Zeitpunkt. Villiger lässt sich frühpensionieren, im März wird er 63 Jahre alt. «Das passt so für mich.» So habe er Energie für Neues. Und daran mangelt es ihm wahrlich nicht. Im Mai radelt er mit Freunden nach Rom. Zudem kandidiert er für den Gemeinderat in Beinwil, bewirbt sich als Senior im Klassenzimmer, plant weitere Projekte. «Ich bin nicht der Typ für Sofa und Fernseher», meint er lachend.
Mit erfülltem Herzen blickt Josef Villiger zurück. Dass Leute im Alter nicht unbedingt zufriedener werden, vielleicht auch mal die Geduld verlieren, daran kann auch Josef Villiger nichts ändern. «Aber wenn wir sie so abholen können, dass sie den Humor wiederfinden, im Alltag wieder mehr lachen, dann haben wir unseren Job richtig gemacht.» Vom Geschäftsführer bis zu allen anderen Mitarbeitenden.
Stimmen zu Villigers Abgang
Josef Villiger hat das St. Martin geprägt. Übermorgen Donnerstag feiert er seinen Abschied, mit Wegbegleitern, mit Mitarbeitenden, mit Bewohnern, mit Angehörigen. Gern gehen lässt ihn niemand. «Er hinterlässt eine spürbare Lücke», lässt der Stiftungsrat verlauten. Villiger sei ein Geschäftsführer gewesen, der nicht im Büro verschwand, sondern mitten im Geschehen war. «Ansprechbar, präsent und immer bereit zuzuhören.» Der Vorstand des Gönnervereins lobt Villiger mit diesen Worten: «Mit viel Herz und Geduld und einer beeindruckenden Gelassenheit hast du gezeigt, dass Führung nicht laut sein muss, sondern menschlich, fair und mit einem offenen Ohr.»
Heidi Etter, Notarin und Rechtsanwältin, ist eine enge Wegbegleiterin Villigers. «Vernetzt denken», das Kunstwerk-Plakat von Hans Erni, beschreibe Josef Villigers Wirken am besten. «Wo auch immer er beruflich tätig war, hat er die Probleme angepackt, die Fäden gezogen, nach Lösungen und Einigung gesucht oder unmissverständlich klare Entscheide getroffen.» --ake


