Heisse WM vor der Haustür
30.06.2026 Kelleramt, KolumneGASTKOLUMNE
Joe Huber, Fort Myers.
Früher als jenes der Schweizer Nati (wie erhofft) war unser «vor Ort»-Fussball-WM-Unterfangen vorbei. Die Reise nach Kalifornien war ein Erlebnis in ...
GASTKOLUMNE
Joe Huber, Fort Myers.
Früher als jenes der Schweizer Nati (wie erhofft) war unser «vor Ort»-Fussball-WM-Unterfangen vorbei. Die Reise nach Kalifornien war ein Erlebnis in verschiedener Hinsicht: Es waren ohne jeglichen Zweifel die absolut teuersten Ferien, die meine Frau und ich je machten. Für die Tickets bezahlten wir damals im Vorverkauf der FIFA einen Preis, welchen wir komplett halsabschneiderisch fanden. An den zwei Spielen konnte ich es dann nicht lassen und fragte jeweils meine Sitznachbarn, was sie denn so bezahlt hätten, im ersten Spiel gegen Katar war das dreimal mehr als wir, und dann gegen Bosnien fand ich heraus, dass der Asiat neben mir – im schöneren Schweizer Leibchen als wir – fast das Vierfache hinblätterte, also im Nachhinein erschienen unsere Tickets eigentlich als echte Schnäppchen.
Aber alles andere wie Flug, Hotels, Automiete, Taxis, Restaurants war ein richtiger Abriss, um es noch anständig auszudrücken. Der Fahrdienst Uber verlangte nebst dem sowieso erhöhten Fahrpreis noch eine zusätzliche Eventgebühr von 40 Dollar pro Fahrt. Wir haben es aber genossen, denn die WM kommt ja nicht jedes Jahr so quasi vor die Haustür, in beiden Städten Bekannte getroffen, Tagesausflüge gemacht und als absolutes Novum für uns sind wir in San Francisco in einem Robo-Taxi gefahren, wozu wir von unseren Freunden überredet wurden. Dank dem Wein, den wir im vorangegangenen Nachtessen konsumiert hatten, stiegen wir dann auch wirklich ein.
Es ist schon ein äusserst komisches Gefühl, in einem Auto zu sitzen, welches ohne Fahrer fährt, und zwar sehr zuverlässig im Grossstadtverkehr. Man fragt sich, was in technischer Hinsicht wohl noch alles auf uns zukommt. Diese mit zahlreichen Innen- und Aussenkameras ausgestatteten, vollelektrischen Autos sind zurzeit erst in 10 amerikanischen Metropolen zugelassen. Und, ich glaube, ich muss meine Meinung über die WM-Zuschauer-Anzahl korrigieren. Ich zweifelte ja sehr an Infantinos Rekordzuschauer-Voraussagen, aber die zwei Spiele, an denen wir dabei waren, waren praktisch ausverkauft, und auch wenn ich alle anderen Spiele im TV anschaue, sehe ich nicht so viele leere Sitze. Ich glaube, das sind die Amis selber, die kommen, man kann hier eine echte WM-Euphorie feststellen und das US-Team strotzt vor Selbstsicherheit. So sind die Amis halt.
Wir haben natürlich die europäische Hitzewelle auch mitbekommen. Darüber berichteten auch die nationalen News, aber hier in Florida wirbeln solche Nachrichten in den Medien natürlich überhaupt keinen Staub auf, denn unsere Thermometer zeigen von Anfang Mai bis Ende September jeden Tag Temperaturen von durchschnittlich 33 Grad an. Man kann und darf das logischerweise nicht vergleichen, denn im Sunshine State herrscht tropisches Klima. Diese Hitze ist aber bei uns wahrscheinlich noch schlimmer, denn hier kommt eine recht hohe Luftfeuchtigkeit dazu. Man könnte das ohne Klimaanlagen gar nicht überleben.
Die Stromrechnung lässt grüssen. Hopp Schwiz!
Der in Jonen aufgewachsene Joe Huber wohnt seit 1986 in den USA. Lange Zeit in New York, nun in Fort Myers, Florida. Regelmässig berichtet er von seinem Leben und hält seine Gedanken als Auslandschweizer fest.

