Carmen Bärtschi,v wohnt in Zürich, vormals Wohlen und Bremgarten.
Mitten in einem Verfolgungstraum reisst mich das Klingeln des Weckers aus dem Schlaf. Mit aufgestellten Nackenhaaren schaue ich aufs Handy und stelle mit Schrecken fest, ...
Carmen Bärtschi,v wohnt in Zürich, vormals Wohlen und Bremgarten.
Mitten in einem Verfolgungstraum reisst mich das Klingeln des Weckers aus dem Schlaf. Mit aufgestellten Nackenhaaren schaue ich aufs Handy und stelle mit Schrecken fest, dass ich heute früher als üblich meinen ersten Termin hätte. Schnell ziehe ich mich an und renne aus dem Haus, dazwischen ein winziger Nervenzusammenbruch, doch nun sitze ich im Zug und könnte es doch noch rechtzeitig schaffen. Tiefer Atemzug. Kopfhörer auf und Podcast an.
Der Podcast handelt von «Impathie». Einem Begriff, geprägt von Stefanie Neubrand. Damit ist ein altbekanntes Konzept aus dem Zen-Buddhismus in die westliche Psychologie geschmuggelt worden. Es geht um Introspektion, gekoppelt mit Empathie. Also kurz um achtsames Selbstmitgefühl. Dabei wendet man sich seiner inneren Gefühls- und Gedankenwelt zu und versucht, diese liebevoll zu erkunden. Damit bin ich vertraut und wende es gleich an: Meine Atmung ist flach. Mein Körper ist angespannt, das Grauen sitzt mir im Nacken. Meine Gedanken springen zwischen meinem Albtraum und der kommenden Sitzung hin und her. Ich atme tief ein und langsam aus, verankere mich im Moment und sage mir selbst «Ich, hier, jetzt».
Doch da klingelt mein Handy und reisst mich abrupt aus dieser Mini-Impathie-Übung. Die Bezugsperson meiner ersten Patientin ist am Apparat. Die Patientin habe verschlafen und komme erst später. «Gott sei Dank», denke ich. Die Patientin mache sich aber selbst Vorwürfe. Impathie für sie wäre nun zu merken, dass sie sich selbst fertig macht, sowie ihre körperliche Stressreaktion darauf zu spüren und dann empathisch zu sich zu sagen: «Das passiert allen einmal. Nobody is perfect. Also halb so schlimm. Atme und mach das Beste daraus.» statt «Fuck! Ich krieg nichts auf die Reihe! Ich bin so blöd» und dann in Selbsthass zu verfallen.
Impathie ist somit nicht nur das gleichmütige Lächeln des erleuchteten Buddhas, sondern am Anfang auch das laute «WTF?!» derer, die sich selbst beim Durchdrehen zuschauen– und dann über sich selbst schmunzeln und das Beste daraus machen.
Denn manchmal ist das Einzige, was uns rettet, die Erkenntnis: «Ja, ich bin ein Chaos. Aber das ist ok.» Denn manchmal braucht es Chaos, um einen Stern zu gebären.