Miteinander die Mobilität planen
20.03.2026 Muri, Thema, VerkehrAm 5. Anlass von «Brennpunkt Oberfreiamt» stand das Thema Strassenverkehr im Fokus
Themen ansprechen, welche die Region bewegen – das hat die Veranstaltungsreihe «Brennpunkt Oberfreiamt» einmal mehr geschafft. Diesmal diskutierten Fachleute von ...
Am 5. Anlass von «Brennpunkt Oberfreiamt» stand das Thema Strassenverkehr im Fokus
Themen ansprechen, welche die Region bewegen – das hat die Veranstaltungsreihe «Brennpunkt Oberfreiamt» einmal mehr geschafft. Diesmal diskutierten Fachleute von Kanton und Gemeinden im Dachtheater Muri über Verkehrsplanung.
Thomas Stöckli
Über 116 Kilometer Kantonsstrassen verfügt das Oberfreiamt. Derzeit laufen auf diesen 58 mittelgrosse bis grosse Sanierungs- und Aufwertungsprojekte. Für dieses Jahr sind acht Baustellen geplant, für den Zeitraum von 2027 bis 2029 sollen 26 weitere Projekte in die Realisierungsphase kommen. Mit seinen Kennzahlen macht Marius Büttiker, Sektionsleiter Strassen 2 bei der kantonalen Abteilung Tiefbau, deutlich, was dem Aargau seine Strassen im Oberfreiamt wert sind. 2023 bis 2025 seien Projekte im Umfang von 104 Millionen Franken abgerechnet worden, sagt er. Und weiter: «Das derzeitige Investitionsvolumen liegt bei 195 Millionen Franken.»
Siedlungsräume schützen
Büttiker ist der zweite Referent eines Abends im Rahmen der Anlassreihe «Brennpunkt Oberfreiamt». Vor ihm hat Dominik Kramer, kantonaler Verkehrsplaner, seine Visionen auf den Tisch gelegt. Dem Blick in die Zukunft schickte er einen in die Vergangenheit vorweg. Bald 100 Jahre ist es her, dass für die norddeutsche Stadt Güstrow eine Zukunftsperspektive visualisiert wurde. Damals stellte man sich unter anderem vor, den öffentlichen Nahverkehr durch eine Schwebebahn in die Höhe zu verlagern. Realitätsnäher hat sich der Bund mit den verkehrstechnischen Herausforderungen beschäftigt und Schwerpunkte der Mobilität bis 2060 gesetzt. Darin spielen die Bedürfnisse der Gesellschaft und der Wirtschaft eine wesentliche Rolle, «aber auch den Klimawandel dürfen wir nicht vergessen», mahnt Kramer.
«Wir wollen Handlungsspielraum ermöglichen», so der Verkehrsplaner, im Namen von Bund, Kanton und Gemeinden. Konkret nannte er etwa Drohnen-Kurierflüge, selbstfahrende Autos und intelligente, vernetzte Verkehrssysteme. Bezüglich des automatisierten Fahrens im öffentlichen Verkehr verwies er auf ein Pilotprojekt, das derzeit im Furttal läuft. Angesichts des begrenzten Raums seien flächenschonende Lösungen gefragt, die auch auf den Langsamverkehr und die Umwelt Rücksicht nehmen. Dabei gelte es, für verschiedene Räume individuelle Ansätze zu finden. «Es kommen spannende Sachen auf uns zu, digitaler und nachhaltiger.»
«Das Freiamt vergessen wir nicht», versprach Kramer. Im Raum Wohlen und Bremgarten sei nebst den Planungen der Ortsdurchfahrten kurz- bis mittelfristig insbesondere ein Verkehrsmanagement gefragt. So soll der Rückstau auf Bereiche ausserhalb des Siedlungsgebiets verlagert werden. «Das ist nicht ein Leistungsabbau», versichert Kramer, «sondern eine Massnahme, um Siedlungsräume schützen und öffentliche Verkehrsmittel priorisieren zu können, im Sinne von stabilen und planbaren Reisezeiten.»
Langsamverkehr fördern
Aktuell wachse der Kanton Aargau jährlich um die Einwohnerzahl der Stadt Aarau, veranschaulicht Marius Büttiker. «Parallel dazu nimmt auch der Verkehr zu.» Die Kosten für den Strassenbau sogar noch stärker, weil heute Sanierungen immer mit Aufwertungen verbunden seien: «Wir planen nicht mehr nur von Trottoir zu Trottoir, sondern von Fassade zu Fassade», nennt Büttiker einen wichtigen Unterschied. Dazu gehöre der behindertengerechte Ausbau von Bushaltestellen. Und nicht nur das: «Im Lärmschutz sind wir Aargauer schweizweit führend», sagt er. «Der neue Deckbelag reduziert die Lärmentwicklung um 75 Prozent. Das ist ein enormer Gewinn für die Siedlungen und die Anwohner.»
Was sind denn die aktuellen Ansprüche an den Strassenbau? «Wir planen nicht nur im Sinne des Verkehrsflusses», stellt Marius Büttiker klar. An erster Stelle gehe es darum, die Verkehrssicherheit zu maximieren. Weiter gewinne auch das Angebot für Velos, Fussgänger und öffentliche Verkehrsmittel an Bedeutung. Was das heisst, zeigt Büttiker anhand von Visualisierungen für Beinwil, Birri und Muri auf. Tendenziell werden die Strassenränder begrünt, der motorisierte Individualverkehr (MIV) wird eingegrenzt, stattdessen bekommt der Langsamverkehr mehr Raum. Anhand eines genehmigten Projekts für Bremgarten zeigt der Strassenbauleiter auf, dass sogar Pflanzrabatten in der Fahrbahn möglich sind. «Das wäre vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen.»
Fokus auf Muri und Sins
In der anschliessenden Podiumsdiskussion, geleitet von Alexander Eigensatz vom Team «Brennpunkt Oberfreiamt», teilte unter anderen Milly Stöckli, Alt-Gemeinde- und -Grossrätin, ihre persönliche Wahrnehmung, wie sich der Verkehr in den letzten 20, 25 Jahren verändert habe: «Sehr viel», schickt sie vorweg, wobei sie weniger die Zunahme als das individuelle Verhalten kritisiert: «Die Leute sind aggressiver unterwegs. Es wird gehupt, es werden Hände verworfen. Das Miteinander ist verloren gegangen und das bedaure ich.» Wie bekommt man das wieder in den Griff? «Jedenfalls nicht mit mehr Strassen. Und auch nicht mit mehr Velo- und Fusswegen», sagt Milly Stöckli.
Die Umfahrung Sins dient heute als Vorzeigeprojekt für eine gelungene Aufwertung. Alt-Gemeindeammann Josef Huwiler spricht von einem «absoluten Glücksfall», wobei er den Faktor «Glück» später relativiert: Ein Selbstläufer sei das nicht gewesen. Schon 1923 habe die Gemeinde beim Kanton eine Westumfahrung gefordert. In der Antwort hiess es 1924, das Problem sei bekannt und man wolle es gleich angehen. Es sollte dann allerdings doch noch fast 100 Jahre dauern. Trotzdem spricht Huwiler von einer «ausgezeichneten Zusammenarbeit mit dem Kanton».
Weshalb klappt in Muri nicht, was in Sins gelungen ist? Grundsätzlich sei die Herausforderung komplexer, sind sich Stöckli und Kramer einig. Der Verkehrsplaner spricht die vier Verkehrsströme an, die im Zentrumskreisel aufeinanderstossen. Die Alt-Gemeinderätin geht auf ihrer Ursachensuche weit zurück bis zum Bau der Bahnlinie quer durch Muri. Eine grosse Chance habe man zudem verpasst, als die Nordost-Umfahrung 2012 aus dem Richtplan gekippt wurde.
Mehrheitsfähige Kompromisse
«Der motorisierte Individualverkehr ist nicht effizient», hält Hannes Tobler, Grossrat der Grünen aus Unterlunkhofen, grundsätzlich fest. Das sei auch der Hauptgrund, weshalb der Verkehrsfluss in Muri oder in Rottenschwil ins Stocken gerate. Als «begeisterter ÖV-Fahrer», wie er sich selbst bezeichnet, wünscht er sich ein Miteinander-Fahren, sei es im Zug, im Bus oder in neuen, innovativen Mobilitätsformen. Ergänzend dazu seien ebenso direkte wie sichere Veloverbindungen gefragt.
«Veloförderung ist ein wichtiges Thema», stimmt Büttiker zu: «Jeder, der Velo oder ÖV fährt, hilft, das Strassennetz zu entlasten», sagt er. «Das Velo spielt in jedem unserer Projekte eine Rolle», versichert er. Der Grosse Rat habe schon vor 25 Jahren beschlossen, im Kanton ein durchgehendes Velonetz zu erstellen, ergänzt Kramer. 1000 Kilometer seien bereits realisiert, Lücken gebe es nur noch wenige. Als nächster Schritt werde dieses Netz nun an die aktuellen Bedürfnisse angepasst.
Inputs dazu kommen auch aus dem Saal. So verleiten harte Randstein-Übergänge und die indirekte Führung immer noch zu viele Velofahrer dazu, statt der Velowege lieber die Strassen zu nutzen. Diesen Hinweis nehmen die Referenten des Kantons mit. Ebenso jenen des Schwerverkehrs, der sich an Verengungen in Kombination mit kantigen Randsteinen stösst. Am Beispiel Auw wird weiter erwähnt, dass Hindernisse bei der Ortseinfahrt helfen, bei der Ortsausfahrt aber unsinnig seien, wenn man vor dem Beschleunigen noch gezwungen sei, auf 30 abzubremsen. «Die Strassen, die wir planen, müssen für alle stimmen», versucht Büttiker die verschiedenen Anspruchsgruppen auf das Spannungsfeld zu sensibilisieren. «Wir gehen auf die Bedürfnisse ein und suchen mehrheitsfähige Kompromisse.»

