Tonnenschwere Klangkörper
07.07.2026 Region Oberfreiamt, Kirche, Sins150 Jahre Kirchenglocken: Die Pfarrei Sins durfte ein besonderes Jubiläum feiern
Sie verbreiten die Uhrzeit, rufen zum Gebet und übernehmen noch allerlei andere Funktionen in der kirchlichen Gemeinschaft. Das 150-Jahr-Jubiläum der Kirchenglocken in Sins ...
150 Jahre Kirchenglocken: Die Pfarrei Sins durfte ein besonderes Jubiläum feiern
Sie verbreiten die Uhrzeit, rufen zum Gebet und übernehmen noch allerlei andere Funktionen in der kirchlichen Gemeinschaft. Das 150-Jahr-Jubiläum der Kirchenglocken in Sins macht gesellschaftliche Traditionen bewusst.
Thomas Stöckli
Es ist ein eindrückliches Erlebnis, wenn einem im Glockenturm der 2,5-Tonnen-Gigant entgegenschwingt. Unmittelbar am Treppenaufgang trifft der massive Klöppel auf den imposanten Klangkörper, einen alles durchdringenden Lärm erzeugend. Ein Dröhnen, das erst mit grösserem Abstand als wohlklingendes Cis wahrgenommen werden kann.
Dabei ist die beschriebene Glocke, dem gekreuzigten Heiland gewidmet, «nur» die zweitgrösste, die im Sinser Glockenturm hängt. Die auf A gestimmte «heiligste Dreifaltigkeit» auf der anderen Seite ist mit gut 5 Tonnen doppelt so schwer. Mit ihrem Klang werden in Sins unter anderem die Stunden geschlagen. Und das seit 150 Jahren.
Glockengiesserei mit 650 Jahren Tradition
Am 25. Juni 1876 wurden die aktuellen Glocken eingeweiht. Zumindest sechs von ihnen. Gegossen hat sie die traditionsreiche Firma Rüetschi in Aarau. Mit ihrer üben 650 Jahren Firmengeschichte gehört sie zu den fünf ältesten noch aktiven Betrieben der Schweiz.
Gut 40 000 Franken liess sich die Pfarrei Sins das neue Geläut samt Turmuhr vor 150 Jahren kosten, wobei für die vier bisherigen Glocken 8000 Franken angerechnet wurden. Sie stammten aus dem 16. und 18. Jahrhundert. Eine frühere Glocke war bereits aus dem Jahr 1438 verbrieft.
In den späten 1950er-Jahren wurde dann allerdings Kritik am Geläut laut: Es sei zwar «zahlenmässig reich, an Musikalität allerdings sehr arm». Konkret erschien der gewichts- und klangmässige Unterschied zwischen den drei grossen und den drei kleinen Glocken als zu ausgeprägt.
Eine siebte Glocke, 880 kg schwer, schloss die Lücke zwischen 1418 und 614 kg und komplettierte so 1964 das aktuelle Geläut. Geweiht dem heiligen Bruder Klaus, wurde sie in einem feierlichen Zug von Pferden auf einem Wagen durchs Dorf zur Kirche transportiert. Beim Aufzug in den Turm durften am 14. Dezember 1964 die örtlichen Zweit- und Drittklässler anpacken. Im Pfarrblatt war damals zu lesen: «Durch diese neue Glocke erhält das Geläute das ‹Salve-Regina-Motiv› (a-cis-e-fis).» Ein «Muttergottes-Geläut» also, für die Muttergottes-Kirche.
Steuerung: halbautomatisch und manuell
Schon der Aufstieg auf den abwärtsgeneigten Holzstufen der Treppe hoch auf den Glockenturm ist ein Erlebnis. In den Schränken auf den Zwischenböden sind verschiedene Holzstatuen eingelagert. Weiter oben sieht man in einer Vitrine die alte Zahnradtechnik mit den gekappten Drahtseilen. Dieses Erlebnis würde Ramona Arnold von der Kirchenpflege Sins künftig gerne auch wieder den Kindern aus dem Dorf ermöglichen. Nicht zuletzt um in einer Zeit, in der sich viele von der Kirche abwenden, wieder mehr Verbindung zu schaffen.
Zuvor hat Sakristan Thomas Theiler in der Sakristei Einblick in die aktuelle Steuerung des Geläuts gegeben. Die wichtigsten Funktionen sind in einer Hauptuhr halbautomatisch programmiert. Vom planmässigen Läuten bis zu optionalen Funktionen, die sich etwa für Beerdigungen und Hochzeiten per Knopfdruck auf bestimmte Zeiten aktivieren lassen.
Kindheitserinnerungen wieder aufgetaucht
Die Hauptuhr ist mittlerweile seit 23 Jahren im Einsatz, nachdem das ähnliche Vorgängermodell einem Blitzschlag zum Opfer gefallen sei, so Theiler. «Bei einer Änderung in der Programmierung kommt die Wartungsfirma mit einer Diskette», veranschaulichte der Sakristan den Stand der Technik. Ersatzteile dürften kaum noch zu bekommen sein. Entsprechend hat er sich auch schon mit einem möglichen Nachfolgemodell befasst. Ziel sei nicht, eine Umstellung aktiv voranzutreiben, aber bereit zu sein, falls die Anlage aussteigen sollte, sagt Ramona Arnold.
Nebst der Hauptuhr lassen sich verschiedene Funktionen manuell über das Tableau bedienen, mit welchem auch das Licht gesteuert wird. Hier stammt die Technik aus dem Jahr 1965, das Eingabefeld wurde in den 1990ern erneuert. Weiter lassen sich die Antriebsmotoren für die Glocken auch direkt im Kirchenturm in Betrieb setzen. Das komme aber nur im Wartungsfall zur Anwendung, so Theiler.
Das Jubiläum ihrer Kirchenglocken hat die Pfarrei Sins kürzlich mit einem besonderen Geläut und einem Apéro in der kühlen Kirche gefeiert. «Unter den Gästen war auch eine Frau, die als Kind schon beim Aufzug der letzten Glocke mit dabei war. Sie hat sich erst durch die Ausschreibung des Glockenjubiläums wieder an jenen Tag erinnert», berichtet Ramona Arnold.




