Tradition, Glaube, Zusammenhalt
09.06.2026 Muri, KircheFronleichnamsprozession in Muri zieht betend und singend durchs Dorf
Alljährlich führen die Michaelsbruderschaft und die Katholische Kirchgemeinde die Fronleichnamsprozession in Muri durch. Drei Altäre vor dem Kloster, beim Altersheim St. Martin und vor der ...
Fronleichnamsprozession in Muri zieht betend und singend durchs Dorf
Alljährlich führen die Michaelsbruderschaft und die Katholische Kirchgemeinde die Fronleichnamsprozession in Muri durch. Drei Altäre vor dem Kloster, beim Altersheim St. Martin und vor der Pfarrkirche werden vom Kolpingverein, vom Gemeinnützigen Frauenbund und von der Kirche aufgestellt und geschmückt. Dazu ertönen achtmal drei Böllerschüsse.
Verena Anna Wigger
Es ist halb acht Uhr morgens und ruhig im Dorf. Fast fühlt es sich an wie an einem Sonntag. Kein Alltagsverkehr, nur die Vögel zwitschern lautstark in den Bäumen. Mitten in die Idylle fällt ein Böllerschuss. Nach einer kurzen Weile ein zweiter und ein dritter. Jetzt ist es acht Uhr. Die Böllerschüsse sind das Signal, dass die Fronleichnamsprozession stattfindet. «Wir schiessen insgesamt achtmal», sagt Gemeinderat Jörg Weiss. Die Schüsse werden begleitend zur Messe und Prozession abgefeuert. Bei jedem Altar auf der Route gibt es eine Salve. Um Viertel vor neun werden die Gläubigen mit Böllerschüssen in die Kirche gerufen und um neun Uhr beginnt die Messe wiederum mit drei Böllern.
Die «Herrgotts-Kanoniere» im Einsatz
Sie, das sind die «Herrgotts-Kanoniere», wie sie sich selbst bezeichnen. Rolf Stöckli, Jörg Weiss und Werner Villiger haben ein Feuer gemacht. An diesem werden die Metallstäbe erhitzt, um die Kanone der Michaelsbruderschaft zu entzünden. Die in Stellung gebrachte und gut gesicherte Kanone wird nach jedem Böller gereinigt, daher die Verzögerung bei den drei aufeinanderfolgenden Schüssen. Sie bringen weiträumig Signalisationen an und warnen vor dem Schiesslärm. Dennoch gibt es immer wieder Menschen, die das Waldstück begehen, während sie an der Arbeit sind. Sicherheit geht vor. Ob diese Böller noch zeitgemäss sind, diese Frage wurde in der Gruppe schon öfters diskutiert. «Tradition muss man leben», sagt Weiss. Villiger ergänzt: «Das gehört zu unserer Geschichte.» Und gelebte Geschichte gibt laut Villiger einen starken Bezug zur Heimat, dies ist ihm wichtig.
Von Handarbeit zu Handy-Übermittlung
Damit die Böller pünktlich auf Messe und Prozession abgestimmt sind, wurde früher vom Kirchturm aus mit Fähnchen signalisiert. «Heute findet die Abstimmung via Handy statt», sagt Rolf Stöckli. Pünktlich um 10 Uhr böllert es wieder, als sich die Kirchentür öffnet und der Prozessionszug aus der Kirche auszieht. Während der zweite Böller knallt, kommt das Kreuz, getragen von Ministrantin Yael Strebel. Für die 14-jährige Bezirksschülerin ist es ein spezielles Ereignis: «Es macht Spass, zu sehen, wer da ist, und es gibt Zusammenhalt», sagt sie. Ihr folgen die Kerzenträger, gefolgt von den Fahnen der Kirche und den Vereinen wie Lourdes-Verein, Kolping oder Frauenbund. Dann kommt der von vier Männern getragene Baldachin, unter dem die Monstranz, getragen von Pfarrer Julius Dsouza, durch das Dorf zieht. Die Monstranz ist ein reich verziertes Schaugefäss, in dem die Hostie präsentiert wird.
Zusammenhalt und Glaube als gelebte Tradition
Zusammen den Glauben durch das Dorf zu tragen und so der Hostie und dem Wein aus der heiligen Messe die Ehre zu erweisen, ist der kirchliche Inhalt der Feierlichkeit. Für die Gläubigen gibt es Kraft für den Alltag, sagt Margrit Villiger. Und ihre Enkelin trägt das Kreuz bei der Prozession, das mache sie stolz, wie sie sagt.
So ziehen die rund neunzig Gläubigen betend und singend durchs Dorf. Begleitet werden sie von einer Gruppe der Feuerwehr. Diese hält den Verkehr auf. Bei der Station vor der Klosterkirche spricht die Präsidentin der Kolpingfamilie, Sandra Büchi. Für sie sind die Feierlichkeiten wichtig, weil «mit Gleichgesinnten Glaube und Tradition» weitergegeben werden können. Auch für Kirchenpflege-Präsident Hans Peter Frey, der einer der Baldachinträger ist, ist diese Tradition ein Freudenfest der Kirche. Doch in den diesjährigen Fürbitten hat ihm diese Freude gefehlt. «Wir müssen unsere Tradition hochhalten und dazu stehen, dass es unser Glaube ist», so Frey. Für Andreas Biermann vom Seelsorgeteam, der die Feier mitleitet, gehören Glaube, Tradition und Zusammenhalt zum Hochfest der Eucharistie. «Wir leben diese mit Mut, Freude und Dankbarkeit im Alltag», sagt er. Denn Tradition ohne Kirche gebe es nicht. «Die Menschen leben diese Tradition.»



