Trotz Tod so nah am Leben
31.07.2026 Region Oberfreiamt, Beinwil/FreiamtDer Tod als Teil des Alltags
Franziska Stenico ist Grossrätin und beruflich in der spezialisierten Palliative Care tätig
Sie politisiert in Aarau und vertritt dort den Bezirk Muri. Und sie betreut Menschen in ihrem allerletzten ...
Der Tod als Teil des Alltags
Franziska Stenico ist Grossrätin und beruflich in der spezialisierten Palliative Care tätig
Sie politisiert in Aarau und vertritt dort den Bezirk Muri. Und sie betreut Menschen in ihrem allerletzten Lebensabschnitt. «Für mich ist das ein Traumjob», sagt die Beinwilerin.
Annemarie Keusch
Wenn die Flamme des Lebens immer schwächer wird. Wenn der Tod immer näher rückt. In Verbindung mit unheilbaren Krankheiten kommt dann oft die Palliative Care zum Einsatz. Franziska Stenico arbeitet seit Jahrzehnten in diesem Bereich. «Nicht in der Pflege, sondern in beratender und abklärender Funktion», sagt sie. Spezialisierte Palliative Care ist der Fachausdruck dafür. Stenico erfasst die Situation tiefer, passt die Medikation an, schaut nicht weg. «Die Menschen in dieser Lebenssituation zu begleiten, ist eine grosse Bereicherung», sagt die Mitte-Grossrätin. Gespräche am Ende des Lebens seien «abgrundtief ehrlich». Mit den Sterbenden, aber auch mit den Angehörigen. «Letztere leisten Beeindruckendes. Es braucht Mut, jemanden zu Hause bis zum Tod zu begleiten.»
Der Tod ist in Franziska Stenicos Alltag omnipräsent. Emotionen ebenfalls. «Ja, auch ich weine manchmal. Das ist nicht unprofessionell. Schliesslich bin ich immer noch ein Mensch. Wenn ich nicht mehr weinen könnte, wäre ich abgestumpft und müsste aufhören.» Das Emotionale – für Franziska Stenico ist es der perfekte Ausgleich zur Politik. Die Kraft für beides schöpft sie zu Hause in Winterschwil, in der Natur, mit den Tieren. Hier erzählt sie aus ihrem beruflichen Alltag.
Serie – was machen Personen des öffentlichen Lebens sonst noch: Franziska Stenico, Beinwil
Sie begleitet Menschen auf ihrem letzten Weg. Ist da, wenn sie sterben. Franziska Stenico arbeitet seit Jahrzehnten in der spezialisierten Palliative Care im ganzen Freiamt. «Der Tod ist etwas ganz Natürliches und sollte kein Tabu sein», sagt die Mitte-Grossrätin.
Annemarie Keusch
Rund um die Uhr ist sie abrufbar. Die Angehörigen können sie immer anrufen, um Rat bitten. Da kann es auch sein, dass sie nach einer Grossratssitzung noch bei einer Patientin oder einem Patienten vorbeigeht. «Das ist für mich selbstverständlich», sagt Franziska Stenico. Wie es eine Hebamme bei der Geburt von Kindern auch tut. «Ich bezeichne mich gerne als umgekehrte Hebamme.» Dafür zu sorgen, dass die Menschen beschützt, wohlbehütet, selbstbestimmt und schmerzfrei ins Licht übergehen – darin sieht sie ihre Aufgabe. Ihre Bestimmung.
Das Gesundheitswesen ist seit Beginn ihrer Laufbahn ihre berufliche Heimat. Mittlerweile würde ihre Ausbildung diplomierte Pflegefachfrau HF heissen. Und schon während der Lehre erhielt sie während eines Praktikums erste Einblicke in die Spitex. «Schon damals gefiel es mir sehr. Bei den Patientinnen und Patienten zu Hause zu sein, individuell auf sie einzugehen, an ihrem Leben teilzuhaben», führt sie aus. Mit der Spitex kam Franziska Stenico nach der Familienpause wieder in Berührung. Als sie für den Vorstand der Spitex Muri angefragt wurde und diese zwei Jahre später auch präsidierte. «Die Problematik des fehlenden Fachpersonals war schon damals aktuell.» Stenico sprang stundenweise an Wochenenden ein. «25 Jahre sind seither vergangen.»
Im Gebiet von drei Spitex-Organisationen
Längst ist die spezialisierte Palliative Care ihr Fachbereich. Stenico hat eine entsprechende Ausbildung gemacht, viel Erfahrung gesammelt und sich auch selber weitergebildet. Mittlerweile führt sie eines der fünf kantonalen Zentren für Palliative Care, ist bei der Spitex Muri auf Stundenbasis angestellt und betreut Klientinnen und Klienten der Spitex Muri, Oberfreiamt und Mutschellen-Reusstal. «Ja, dabei habe ich jeden Tag direkt oder indirekt mit dem Tod zu tun und dennoch oder gerade deswegen bin ich ganz nah am Leben», sagt sie. Dabei sei es wichtig, sich unvoreingenommen auf die Patientinnen und Patienten einzulassen. «Individualität und Selbstbestimmung sind sehr wichtig», betont Franziska Stenico. Beides gelte es hochzuhalten, bis zum letzten Atemzug.
Die spezialisierte Palliative Care ist dabei nicht für die Pflege verantwortlich. «Wir haben eine ganze Palette an anderen Aufgaben.» Symptombekämpfung, Spiritualität, Religiosität, vorausschauende Planung, beispielsweise im Bereich der Medikation, Begleiten der Angehörigen, Austausch mit Hausärzten und anderen medizinischen oder pflegerischen Bereichen. Statistisch sind es vor allem Krebspatientinnen und -patienten, die Franziska Stenico in den Tod begleitet. Auch Patientinnen und Patienten, die von Hirnblutungen, Herzdekompensation, ALS oder Demenz betroffen sind, können die Dienstleistungen beanspruchen. «Wir stabilisieren, versuchen, die Lebensqualität beizubehalten oder zu erhöhen, und stehen bei, wenn diese vermindert wird», fasst es Franziska Stenico zusammen. Eine Aufgabe, die fordert – in mehrerlei Hinsicht. Trotzdem spricht sie von einem Traumjob. «Den Menschen in dieser Phase des Lebens so nah sein zu dürfen, ist ein Privileg.»
Menschenkenntnis als Voraussetzung
Die Erfahrung gibt ihr dabei Ruhe und Gelassenheit. «Diese auch auszustrahlen, ist enorm wichtig.» Denn oft kommt Stenico in den Alltag von Menschen, die in Extremsituationen sind. «Ich versuche, Ruhe in ihr Chaos zu bringen.» Gute Menschenkenntnis ist dafür eine Voraussetzung. Und Stenico setzt immer auf Ehrlichkeit. «Damit schafft man am schnellsten Vertrauen.» Wichtig ist ihr zudem, zwar zu beraten, aber niemals zu entscheiden oder zu werten. «Es ist nicht an mir, über Sterbehilfe zu richten», nennt sie ein Beispiel.
Natürlich hallen die Begegnungen nach. Natürlich braucht es einen stabilen Geist, um in der spezialisierten Palliative Care tätig zu sein. Natürlich ist es wichtig, Energie zu tanken, um emotional Tag für Tag Derartiges leisten zu können. «Das hole ich mir in der Freizeit.» Im Garten, in der Natur rund um ihr Zuhause im Weiler Winterschwil, mit ihren Haustieren, mit einem Buch in der Hand «und auch mal mit Hausarbeit». Die Ruhe gebe ihr Kraft. Bodenhaftung sei wichtig, mit beiden Beinen im Leben zu stehen, eine Voraussetzung.
Keine Angst vor dem eigenen Tod
Franziska Stenico spricht aber auch darüber, dass sich Werte verschieben, wenn man so viele Jahre in der Palliative Care tätig ist, so viele Menschen von der Welt gehen sieht. «Ich nehme mich selber längst nicht mehr so wichtig», sagt sie. Das übertrage sie durchaus auch in die politische Arbeit. Und Stenico hat mit dem Tod zu leben gelernt. «Ja, auch mein eigener Tod ist in meinen Gedanken hie und da ein Thema.» Nicht zu weit vorauszuplanen, das hat sie seit dem Tod ihres Bruders vor wenigen Jahren verinnerlicht. «Ich habe keine Angst vor dem Tod, vor dem Sterben vielleicht eher.» Auch wenn sie viele Beispiele miterleben durfte, in denen der Tod etwas Erlösendes, Beruhigendes hatte. Gerade wenn damit ein Leidensweg zu Ende ging.
Was sie hingegen feststellt: Der Tod ist für viele ein Tabuthema. «Dabei ist es etwas ganz Natürliches.» Vor 100 Jahren gehörte der Tod mitten in jede Familie, Verstorbene wurden zu Hause aufgebahrt. «Dann kam das Verdrängen, die Tabuisierung. Dabei müsste es doch gerade mit der heutigen, viel gelobten Offenheit möglich sein, den Tod in den Alltag zu integrieren.» Franziska Stenico ist überzeugt: «Die Leute wären zufrieden, lebten bewusster und wären weniger egoistisch.»
Todesanzeigen bewahrt sie alle auf
Das Weinen – es gehört hie und da auch nach fast 20 Jahren in diesem Bereich dazu. «Genauso das Lachen, ob mit Patientinnen und Patienten oder mit Angehörigen.» Humor am Ende des Lebens sei essenziell. Geborgenheit ebenfalls. Auch als Fremde kann Stenico diese auf professionelle Art bieten. Die Todesanzeigen und Danksagungen aller durch sie Begleiteten bewahrt sie auf. «Immer wieder kommt mir hie und da ein Gesicht, ein Name in den Sinn», sagt sie und spricht von schützenden Händen, die über sie gehalten werden. «Ich bin spirituell, vielleicht braucht es das in diesem Beruf ein Stück weit auch.»


