Vom Freiamt in die Jazz-Welt hinaus
11.08.2026 Muri, MusikMuri wurde zur Währung
25 Jahre «Musig im Pflegidach»
Muri ist nicht New York – und trotzdem sind die Jazz-Szene der amerikanischen Grossstadt und die Freiämter Gemeinde eng verbunden. Wenn es um Stephan Diethelm und um Jazz ...
Muri wurde zur Währung
25 Jahre «Musig im Pflegidach»
Muri ist nicht New York – und trotzdem sind die Jazz-Szene der amerikanischen Grossstadt und die Freiämter Gemeinde eng verbunden. Wenn es um Stephan Diethelm und um Jazz geht. Muri ist längst zur Währung geworden. Wer hier auftritt, dem steht in ganz vielen Beispielen eine internationale Karriere bevor. Nun feiert «Musig im Pflegidach» Jubiläum.
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Stephan Diethelm steht vor seiner 25. Saison mit «Musig im Pflegidach»
Die Anfänge im Café Stern, zwischenzeitlich im «Ochsen» und seit 2015 unter entsprechendem Namen im Pflegidach. Die sonntäglichen Jazz-Konzerte haben in Muri längst Tradition. Ans Aufhören denkt Organisator Stephan Diethelm nicht. «Ich habe noch genug Energie», sagt er. Und genug Unterstützung und Ideen.
Annemarie Keusch
«Ich habe in Muri gespielt.» In der Jazz-Szene ist das zur Währung geworden. Wer in Muri spielte, kann etwas. Und nicht selten galt in den letzten 25 Jahren: Wer in Muri spielte, hat international Karriere gemacht. «Natürlich freut mich das, auch wenn deswegen am Sonntagabend jeweils nicht mehr Publikum ins Pflegidach kommt.» Es ist diese Mischung aus Stolz und Pragmatismus, die Stephan Diethelm beim Gespräch über die bevorstehende 25. Saison umtreibt. Er war es, der die Konzertreihe ins Leben rief, und er ist es, der sie mit grossem Aufwand und viel Engagement noch immer am Leben erhält. Von Laborcharakter ist in der Schrift zum bevorstehenden Jubiläum zu lesen. «Etwas, das das Publikum eigentlich gar nicht sucht. Für sie ist es kein Experiment.» Dass Jazz auf hohem Niveau gezeigt wird, ist längst zum Standard geworden. «Früher frustrierte es mich, dass die Leute nicht zuhauf kommen, wenn Neues geboten wird. Mittlerweile weiss ich, dass es einfach so ist.» Er sei eben ein Nerd, ein Besessener. «Die Erfahrung und das Alter liessen mich zur Erkenntnis kommen, dass nicht alle interessiert, was mich interessiert.»
Desillusioniert ist Diethelm deswegen nicht. Überhaupt nicht. Das Feuer für «Musig im Pflegidach» brennt nach wie vor. Das Publikum ist da, vor allem viele mit ganzjährigem Abonnement.
Und der Laborcharakter ist trotzdem geblieben. Darin, dass die Musiker, die hier auftreten, oft noch am Anfang ihrer Karriere stehen. «Insofern weiss man nie, ob die Forschung gelingt», sagt Diethelm und stapelt damit tief. Wen er im Pflegidach auftreten lässt, der hat Talent.
Hundert Anfragen täglich
Denn längst muss sich Diethelm nicht mehr auf die Suche nach Musikerinnen und Musikern machen, die auf ihrer Europatournee zufällig einen Sonntag ohne Konzerte haben und für wenig Geld eine Stunde lang in Muri ihr Können zum Besten geben. Rund hundert Mails erreichen ihn täglich von Musikerinnen und Musikern, von Agenturen. Eine eindrückliche Zahl. Anfragen, ob sie in Muri auftreten dürfen. Diethelm weiss: «Die Orte, um auftreten zu können, werden immer weniger. Es tut gut, zu spüren, dass dieser Ort für die Musikerinnen und Musiker wichtig ist.»
Gerade auch, weil es mit und seit Corona schwieriger wurde, den Saal zu füllen. «Füllen? Das wäre ein Traum.» 300 Leute hätten Platz. Dass die Welt immer noch kurzfristiger wurde, spüren alle Branchen. Dass via Streaming Musik bequem von zu Hause aus konsumiert werden kann, spüren die Veranstalter. «Alle, das relativiert es etwas. Es liegt nicht am Produkt und nicht an der Organisation. Es ist eine Zeiterscheinung.» Musik hat einen anderen Stellenwert. Während er noch ein Open Air besucht, um eine bestimmte Band zu sehen, geht seine Tochter wegen des Miteinanders auf dem Zeltplatz hin. «Ich will das nicht werten. Es ist einfach so. Ob das frustriert? Nicht mehr. Ich akzeptiere es und versuche, das Beste daraus zu machen.»
Vom «Stern» via «Ochsen» ins Pflegidach
Herausforderungen gehören dazu. Das weiss Stephan Diethelm. Auch von den Anfängen, damals «Musig im Stern».
Den Sommer 1997 verbrachte er in New York, saugte das musikalische Leben der Jazz-Metropole förmlich auf. Zurück in der Schweiz stand der Entschluss schnell fest: Das Schaffen der Musiker, die er in der New Yorker Szene live erlebt hat, in der Schweiz zu zeigen und niederschwellig zugänglich zu machen. Nicht in einer grossen Stadt, sondern zu Hause in Muri. Der Leitgedanke damals: «Das Neue ist besser verdaulich in kleinen Portionen.» Ein einstündiges Konzert, jeweils am Sonntagabend. Mit unmittelbarem Zugang zur Musik, die nur die intime Atmosphäre ermöglicht. Im «Stern» hatten damals 50 Leute Platz. «Wie in der legendären 55 Bar in New York», sagt Diethelm. Übrigens ist die enge Verbindung zur New Yorker Jazz-Szene über all die Jahre prägend geblieben.
2001 ging die Reise los. 2009 folgte der Umzug in den «Ochsen» – mit fast doppelt so viel Platz für das Publikum. Dort fand auch der «Cheese Hang» seinen Anfang. Das Beisammensein nach dem Konzert bei Käse und Wein. Es ist eines von vielen Beispielen, die zeigen, was «Musig im Pflegidach» einzigartig macht. Natürlich auch das Konzert selber, vor allem aber das Drumherum. Diethelm holt die Musikerinnen und Musiker vom Flughafen ab, verpflegt sie bei sich zu Hause, unternimmt mit ihnen auch mal eine Wanderung. Einzigartig. Und wohl mit ein Grund für den Erfolg der Musikreihe. Seit 2015 ist das Pflegidach deren Heimat. Hier, wo unter der Woche geturnt und Gottesdienst gefeiert wird, treten am Sonntag Jazz-Musikerinnen und -Musiker aus der ganzen Welt auf. Über die Entwicklung in den 25 Jahren sagt Diethelm: «Das musikalische Spektrum hat sich sowohl aufgefächert als auch geschärft.»
Seit jeher 2000 Franken Gage
Entwicklungen gab es viele. Aber eines ist geblieben: die 2000 Franken Gage pro Band. Veränderungen gab es indes vor allem auch neben der Bühne. Die Technik beispielsweise. Mittlerweile werden die Konzerte mit 15 bis 20 Kameras aufgenommen. Mittlerweile gibt es hie und da zum Konzert auch Live-Scratching. Eine Künstlerin zeichnet, visualisiert die Musik. «Immer wieder Neues. Das macht es auch für mich spannend», sagt Stephan Diethelm. Auch wenn mittlerweile vieles Routine geworden ist, Jahr für Jahr lanciert er grössere oder kleinere Neuerungen. Und Diethelm weiss, dass es wichtig ist, den Kreis immer grösser werden zu lassen. Die Schüler, die in all den Jahren für das Kanti-Projekt Artikel über die Konzerte geschrieben haben. Leute, deren Eltern in der Pflegi leben. Zwei Beispiele. Zwei Chancen für Verbindungen, die vielleicht hie und da in einem Konzertbesuch münden.
Mehr als 45 000 Besuchende
Zu weit in die Zukunft schielte Stephan Diethelm nie. Dass er nun vor der 25. Saison seiner Musikreihe steht, war entsprechend nie der Plan, geschweige denn das Ziel. Noch immer erfüllt ihn das Organisieren. «Dass es Leute gibt, die sich direkt nach der Saison ein Abonnement für die neue Saison kaufen und förmlich darauf warten, das motiviert natürlich.» Gleiches gilt für die Anerkennung, die er seitens der Musiker erfährt. «Das tut natürlich gut.» Und ganz allein ist Stephan Diethelm längst nicht mehr, war er nie. Seit 2011 ist «Musig im Pflegidach» eine Sektion von Murikultur.
25 Jahre, mehr als 45 000 Besuchende, mehr als 2000 Künstlerinnen und Künstler. Es sind eindrückliche Zahlen, die zusammenkamen. «Viele kamen und gingen, wir blieben. Spektakulär ist das nicht. Das Spektakel auf der Bühne reicht mir», meint Diethelm und lacht. Und damit geht es weiter. Sicher noch vier Jahre, so lange, bis Diethelms Pensionierung als Kanti-Lehrer ansteht. «Ganz in den Ruhestand gehe ich aber auch nachher nicht. Mit 65 Jahren bin ich nicht plötzlich Schrott.» Weil Diethelm weiss, dass es schwierig ist, Leute zu finden, die sich in solchem Mass ehrenamtlich engagieren. «Und weil es schon auch mein Baby ist.» Offen bleiben, das ist seine Devise. Da sei «Musig im Pflegidach» durchaus auch kompatibel mit den Plänen, nach seiner Pensionierung nach Luzern zu ziehen.
Lauter Frauen
Die «Pflegidach»-Jubiläumssaison
In der 25. Saison von «Musig im Pflegidach» setzt Stephan Diethelm auf Frauen. «Heute gibt es in jeder grösseren Schweizer Stadt eine Jazz-Schule. Noch sind es mehr Männer, aber mittlerweile machen auch viele Frauen eine entsprechende Ausbildung», sagt er. Und die Frauen seien auch im Jazz anders. «Nicht, was das Niveau anbelangt, aber im Bezug auf das künstlerische Handwerk.» Sängerinnen, Instrumentalistinnen, Bandleaderinnen – in der Jubiläumssaison machen 25 von ihnen halt in Muri.
Bei passendem Wetter findet das Eröffnungskonzert mit Camila Meza am 30. August, 20.30 Uhr, auf dem Klosterhof statt. Natürlich ist die Vorfreude auf die Jubiläumssaison gross. Nicht zuletzt, weil die Unterstützung seitens Swisslosfonds 150 000 Franken statt der sonst jährlichen 36 000 Franken beträgt. «Ein solcher Ort lebt nicht ohne finanzielle Unterstützung», betont Stephan Diethelm. Sein Fokus liegt indes schon auf der Saison 2027/2028, wo es die Konzerte zu planen gilt.
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