Thomas Stöckli, Redaktor.
«Grösster kantonaler Greifvogelunfall» – so lautete die Aufgabenstellung, mit der ich mich kürzlich in einem Worträtsel konfrontiert sah. Hand aufs Herz: Wer hat da spontan an den ...
Thomas Stöckli, Redaktor.
«Grösster kantonaler Greifvogelunfall» – so lautete die Aufgabenstellung, mit der ich mich kürzlich in einem Worträtsel konfrontiert sah. Hand aufs Herz: Wer hat da spontan an den Aargau gedacht? Falls Sie jetzt «ich» gesagt und/oder die Hand gehoben haben, dann: Chapeau. Falls nicht, dürfen Sie gerne auch weiterlesen, denn in die anfängliche Bewunderung über die Wissenden mischt sich schnell auch Irritation: Ist dies das Bild, das der Aargau bei ihnen «geniesst»?
Nichts gegen den Adler oder andere Greifvögel, aber wollen wir wirklich mit «grösstem Unfall» in Zusammenhang gebracht werden? Zumal sich das «-gau» im Kantonsnamen von einer mittelalterlichen Verwaltungseinheit ableitet, also nichts mit der Abkürzung für «grösster anzunehmender Unfall» zu tun hat.
Als Kanton der Atommeiler müssen wir uns die andere Wortbedeutung trotzdem gefallen lassen. Noch. Nicht zuletzt wegen Supergaus, wie sie 1986 in Tschernobyl oder 2011 in Fukushima eingetreten sind, hat die Schweizer Stimmbevölkerung vor bald einem Jahrzehnt dem Ausstieg aus der Atomindustrie deutlich zugestimmt. Damit dürfte zumindest diese negative Assoziation bald verschwinden.
Andere Klischees bleiben, etwa die von Weisssocken-Bünzlis und Rüebli(torten), von schlechten Autofahrern und Transitverkehr. Von Ausserkantonalen werden sie uns immer wieder um die Ohren gehauen. Dabei sprechen über 735 000 Einwohnerinnen und Einwohner für sich: Der Aargau bietet attraktiven Lebensraum. Auf der Website des Kantons ist von «Reichhaltiger Natur mit Wasser- und Auenlandschaften» zu lesen, wie wir sie gerade auch im Freiamt geniessen dürfen. Weiter von «bezahlbarem Wohnraum, niedrigen Lebenshaltungskosten und vom vielfältigen Freizeit- und Kulturangebot.»
Klar hat unser Wohnkanton auch Schattenseiten. Schliesslich ist es ein physikalisches Grundgesetz: Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Doch oft ist es das Unperfekte, Makelbehaftete, was Einzigartigkeit überhaupt erst ermöglicht. Oder mit den Worten von Kultfilm-Regisseur David Lynch: «Ich hasse glatte und hübsche Dinge. Ich bevorzuge Fehler und Unfälle.» So schliesst sich der Kreis doch noch zum «GAU» im Sinne des Worträtsels.