Weg aus dem Schatten
05.05.2026 Sport, TurnenNationalturnen: Medien- und Sportexperte Stefan Hofmänner analysiert das Nationalturnen
Das Nationalturnen steht im Schatten des Schwingens – obwohl Schwingen selbst Teil dieses Mehrkampfs ist. Der Aargauer Nationalturntag in Dottikon war aus Sicht der ...
Nationalturnen: Medien- und Sportexperte Stefan Hofmänner analysiert das Nationalturnen
Das Nationalturnen steht im Schatten des Schwingens – obwohl Schwingen selbst Teil dieses Mehrkampfs ist. Der Aargauer Nationalturntag in Dottikon war aus Sicht der Organisatoren ein Erfolg. Doch die Sportart will sich weiterentwickeln. Helfen soll dabei SRF-Kommentator Stefan Hofmänner, der den Anlass erstmals aus nächster Nähe verfolgte.
Josip Lasic
Strahlender Sonnenschein, rund 140 Nationalturner und etwa 300 Besucher: Der 72. Aargauer Natwionalturntag in Dottikon war aus Sicht der Organisatoren ein gelungener Anlass. Zum sportlichen Rahmenprogramm gehörten der Sprintwettkampf «De Schnellscht am Maiengrün» mit rund 100 Kindern und Jugendlichen, der «Schnääschnää-Cup» der Turner und am Abend ein Plauschvolleyballturnier.
Die Idee, mehrere Sportanlässe zu kombinieren, funktionierte. Dani Schmid, Technischer Leiter des Aargauer und Eidgenössischen Nationalturnverbands, und Jakob Frischknecht, der neue Präsident des Eidgenössischen Nationalturnverbands, wollen aber noch mehr Aufmerksamkeit für das Nationalturnen generieren. Dafür holten sie sich prominente Hilfe. In Dottikon war SRF-Kommentator Stefan Hofmänner vor Ort, der für das Schweizer Radio und Fernsehen Schwingen, Kunstturnen und Ski Alpin begleitet. «Da viele Schwinger auch Nationalturner sind, verfolge ich die Resultate und Feste. Vor Ort war ich bisher aber noch nie. Das ist meine Premiere», sagt Hofmänner. Schmid und Frischknecht erhoffen sich vom SRF-Mann Rückmeldungen aus journalistischer Sicht. «Ich musste mich ziemlich einlesen, um eine Ahnung zu kriegen, wie der ganze Anlass abläuft», sagt er lächelnd.
Patentlösung gibt es nicht
Der Journalist bleibt in seiner Analyse bescheiden. «Ich komme nicht, um alles umzukrempeln. Die Verantwortlichen überlegen seit Jahren, wie sie den Sport attraktiver machen können. Wenn es eine Patentlösung gäbe, hätten sie sie längst gefunden. Aber als Externer sehe ich vielleicht Dinge, die ihnen nicht mehr auffallen, weil sie zu nah dran sind.»
Der Schwingsport hat in den letzten Jahren einen Boom erlebt. Obwohl Schwingen Teil des Nationalturnens ist, profitierte das Nationalturnen davon nicht. «Im Gegenteil. Viele Schwinger sind so ambitioniert, dass sie sich ganz auf diese Sportart fokussieren und Nationalturnwettkämpfe auslassen», sagt Hofmänner. Im Vergleich zum Schwingen wirke Nationalturnen kompliziert. «Schwingen ist einfach. Du gewinnst oder du verlierst. Im Nationalturnen gibt es mehrere Disziplinen. Einige musst du bestreiten, andere nicht. Das ist für die Zuschauer schwierig nachzuvollziehen.»
Grosse Namen wären Magneten
Trotzdem sieht Hofmänner Potenzial im Nationalturnen. «Ich glaube, grundsätzlich haben Sachen, die authentisch und schweizerisch sind, eine Chance. Die Leute sind offen für das.» Er sieht auch in eidgenössischen Kranzschwingern wie Jeremy Vollenweider einen Mehrwert für das Nationalturnen. «Ein Samuel Giger ist beispielsweise auch schon Schweizer Meister geworden im Nationalturnen. Wenn es gelingen würde, zwei, drei solche Kaliber an einen Anlass zu bringen, würde ihr Licht extrem auf das Nationalturnen abstrahlen.»
Adi Bucher von der RS Freiamt, der sich stark für die Freiämter Nationalturnriege engagiert, sieht ein weiteres Problem: Die Verbände für Ringen, Schwingen und Nationalturnen arbeiten zu wenig zusammen. «Es gibt die Angst, sich gegenseitig Athleten wegzunehmen. Dabei hilft Nationalturnen enorm in der Grundausbildung.» Schmid ergänzt: «Mein Ziel wäre, alle Verbände an einen Tisch zu bringen: Schwingen, Ringen, Turnen, Nationalturnen. Gemeinsam könnte man besser planen.» Allen Herausforderungen zum Trotz bleibt Hofmänner optimistisch. «Ich bin guter Dinge, dass ich den Nationalturnern einige Inputs geben kann.» Angetan war der SRF-Kommentator auch vom Anlass selbst. Am Abend spielte er beim Plauschvolleyballturnier gleich selbst mit.
Die Frage ist nur, wie das Nationalturnen diese Attraktivität künftig sichtbarer macht. Ein abschliessendes Feedback hat Hofmänner noch nicht gegeben. «Er hat den Anlass auf sich wirken lassen», sagt Schmid. «Wir werden noch einmal zusammensitzen und alles besprechen. Ich denke aber, dass so ein Profi uns sicher helfen kann.»
Vollenweider zum vierten
Jeremy Vollenweider, ein bekanntes Gesicht im Freiamt, gewinnt zum vierten Mal in Folge den Aargauer Nationalturntag. Auch die Gastgeber haben Grund zur Freude: Die NTR Freiamt holt fünf Kränze. In der Kategorie L1 kommt es zu einem vereinsinternen Schlussgang zwischen Max Schmid und Luca Stöckli. Schmid sichert den Freiämtern den einzigen Festsieg. Stöckli erreicht Rang 2 und erhält ebenfalls einen Kranz, ebenso wie Dario Tardy, der in derselben Kategorie Platz 10 belegt. In der Kategorie J2 wird Timo Boss Elfter, während Joel Meier, bekannt aus der RS Freiamt, in der Kategorie A mit einem starken dritten Platz glänzt.
Doch der Fokus liegt auf Jeremy Vollenweider. Der eidgenössische Kranzschwinger hatte bereits in Unterkulm, Mühlau und Jonen gesiegt. Nun holt sich der 28-Jährige in Dottikon den vierten Sieg in Serie. Obwohl er dem RRTV Weinfelden angehört, rang er früher oft mit einer Doppellizenz für die RS Freiamt. «Ich kenne viele Leute hier in der Region und bin immer wieder gern hier», sagt er. Als eidgenössischer Kranzschwinger ist Vollenweider ein Zuschauermagnet. In Dottikon war er aber der einzige prominente Teilnehmer. Parallel fand in Tuggen die Schweizer Meisterschaft der Aktiven und Kadetten im Freistilringen statt. Vollenweider und Joel Meier entschieden sich für das Nationalturnen und gegen das Ringen. Dass sie überhaupt wählen mussten, bleibt ein Problem. Auch Schwingfeste nehmen dem Nationalturnen Teilnehmer. So fehlte etwa Samuel Schwyzer, der Vollenweider starke Konkurrenz hätte bieten können. «Eigentlich stehen sich die Wettkämpfe nicht im Weg», erklärt Vollenweider. «Nationalturnen ist meist am Samstag, Schwingfeste am Sonntag. Viele Athleten wollen sich das nicht antun. Es ist streng, aber machbar. Vielen Ringern und Schwingern würde es sogar guttun, hin und wieder einen Nationalturnwettkampf zu absolvieren.»
Vollenweider liess seinen Worten Taten folgen und startete am Sonntag nach dem Aargauer Nationalturntag am Thurgauer Kantonalen Schwingfest in Sirnach. Im ersten Gang verletzte er sich aber am Knie und musste mit der Trage abtransportiert werden. Solche Doppelstarts hat er in der Vergangenheit jedoch oft gemeistert. Der Vorfall ändert nichts daran, dass die Verbände im Nationalturnen, Ringen und Schwingen besser zusammenarbeiten könnten.
--jl



