Marco Huwyler, Redaktor.
Sie haben ja noch nicht Hochsaison. Im Mai sind viele Wespen noch nicht aus ihren Larven geschlüpft. Und selbst jene, die schon durch die Gegend schwirren, sind in der Regel noch nicht aufdringlich. Vielleicht war ...
Marco Huwyler, Redaktor.
Sie haben ja noch nicht Hochsaison. Im Mai sind viele Wespen noch nicht aus ihren Larven geschlüpft. Und selbst jene, die schon durch die Gegend schwirren, sind in der Regel noch nicht aufdringlich. Vielleicht war es ihm in diesen Regentagen also schlicht ein wenig kalt. Jenem Exemplar, das sich kürzlich in meinen Bus verirrte und nicht mehr hinausfand. Wie es da so rumschwirrt und mit seinem Kopf wiederholt an derselben Scheibe anschlägt, sieht es ja ein bisschen dümmlich aus. Dabei kann das Tierchen wenig dafür. Schliesslich sind seine Augen nicht mit unseren zu vergleichen. Es sieht die Welt als rasterartiges Pixelbild und orientiert sich am Licht. Eine Scheibe ist so nicht wahrnehmbar. Und überhaupt kann es schon gar nichts dafür, dass wir solche durch die Gegend brummenden Kolosse mit durchsichtigen Türen und Fenstern erfunden haben.
So bleibt ihm nichts anderes übrig, als den Ausgang dort zu suchen, wo es hinter dem Glas die Sonne verortet. Blöderweise ist diese während unserer Fahrt auf der gegenüberliegenden Seite der Türen. Und deshalb summt die Wespe vergeblich suchend durch den Bus und schwirrt dabei zwischen den Fenster-Kollisionen den daneben sitzenden Menschlein um die Ohren. Interessant, zu beobachten, wie diese reagieren. Von panikartigem Fuchteln über stoisches Ignorieren bis hin zur hastigen Flucht ist alles dabei. Ich sitze glücklicherweise unbehelligt auf der anderen Seite. Und obwohl ich das Heu ansonsten mit diesen nervösen Stachel-Viechern nicht auf derselben Bühne habe, beginnt mir die Wespe leidzutun. Also nutze ich einen längeren Kleingeld-Billett-Lös-Halt unseres Busses und verhelfe ihr mit meiner Zeitung in die Freiheit.
Du, eine Bremgarter Wespe, bist so nach Baden gereist. Und nach dem initialen Wohlgefühl der guten Tat überlege ich mir: Gefällt es dir hier überhaupt? Was macht ein staatenbildendes Insekt wie du allein in solch ungewohntem Gefilde? Findest du wieder nach Hause? Schliesslich wärst du ja unmotorisiert niemals so weit weg geflogen. Bist du hier überlebensfähig ohne dein Volk? Die Antworten sind leider ernüchternd, wie mir das moderne Internet sagt. In Baden bist du dem Tod geweiht. Nur ein paar Tage könnten dir allenfalls noch vergönnt sein, wenn du nicht sofort von ansässigen Wespen eliminiert worden bist. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen. Bleibt bloss die vage Hoffnung, dass du wieder den Bus zurück nach Bremgarten findest.