Wieder mehr Bedeutung geben
28.07.2026 Region Bremgarten, Eggenwil, KircheSommerserie «Immer noch da»: Die römisch-katholische Kirche in Eggenwil
Seit mindestens 1140 thront die Eggenwiler Kirche auf einem Vorsprung oberhalb der Reuss. Sie zählt deshalb zu den ältesten Kirchen im Freiamt. Heute stellt sich die Frage, ...
Sommerserie «Immer noch da»: Die römisch-katholische Kirche in Eggenwil
Seit mindestens 1140 thront die Eggenwiler Kirche auf einem Vorsprung oberhalb der Reuss. Sie zählt deshalb zu den ältesten Kirchen im Freiamt. Heute stellt sich die Frage, wie dem nur wenig besuchten Gotteshaus wieder eine grössere Bedeutung gegeben werden könnte.
Roger Wetli
«Wie können wir diese Kirche weiterhin sinnvoll nutzen?», fragt sich Franz Rutzer. Der Wider amtet seit vielen Jahren als Präsident der Kirchgemeinde Eggenwil-Widen. Er erklärt: «Gottesdienste finden hier statt – aber vielfach nur mit wenigen Besuchern. Zudem gibt es Beerdigungen und Taufen. Und die Musikgesellschaft Eggenwil spielt jährlich ihr Adventskonzert in der Kirche. Es ist schade, dass es nicht mehr Veranstaltungen sind», bedauert Rutzer.
Wohl noch älter als datiert
Heute sind in Eggenwil nur noch 25 Prozent der Bevölkerung als römischkatholisch im Einwohnerregister eingetragen. Das war früher anders. Über neun Jahrhunderte musste diese Kirche immer wieder vergrössert werden. Die erste noch bekannte Erwähnung datiert von 1140. Vermutet wird, dass sie bereits deutlich früher dort stand. Sie zählt deshalb zu den ältesten im Freiamt. Lange Zeit befand sich die Eggenwiler Kirche im Besitz des Klosters Muri. Das erste kleine Langhaus hatte Masse von zirka 9,8 auf 8 Meter. Um 2,8 Meter wurde es im 12. oder frü- hen 13. Jahrhundert erweitert. Der eindrückliche Kirchturm steht seit dem 14. Jahrhundert, die direkt anschliessende Sakristei seit dem 15. Jahrhundert. Die heutige Grösse erhielt sie zwischen 1870 und 1874. Überliefert ist, dass die Kirchgemeinde damals eigentlich diese Kirche abbrechen und an einem anderen Ort errichten wollte. Dazu kam es aber nie.
Das heutige Ensemble mit frei stehendem Pfarrhaus, Rebhäuschen und Kirche existiert seit mindestens 1750. Auf jenes Jahr ist eine Federzeichnung datiert. Dieses Ensemble prägt heute das Dorf. Betrachte man den ganzen Pastoralraum Mutschellen, gehöre diese Kirche zusammen mit denjenigen von Berikon und Oberwil-Lieli zu den drei alten Gotteshäusern. Damit diese erhalten bleiben, müssen sie unterhalten und immer wieder saniert werden. «Bei schwindenden Mitgliederzahlen und damit Rückgängen von Kirchensteuern wird die Finanzierung dieses Unterhalts und vor allem der Renovationen immer anspruchsvoller», so Rutzer. «Zumal alte Gebäude mehr Kosten verursachen als neue.»
Nachhaltig sanieren
Gerade die Eggenwiler Kirche bereitet den Verantwortlichen immer wieder Sorgen. Dies, weil der Hügel zu rutschen droht. «Das lassen wir jedes Jahr professionell kontrollieren. Aktuell ist es nicht so schlimm», beschwichtigt Franz Rutzer. Dabei zeigt er auf verschiedene Stellen der Bruchsteinmauern, welche den Hang festhalten, auf dem die Kirche steht. Darin wachsen verschiedene Pflanzen. «Die Sträucher und andere Gewächse lassen wir immer wieder entfernen. Denn sonst dringen die Wurzeln zu weit in die Mauer hinein und sprengen diese möglicherweise.»
Am Sockel blättert an verschiedenen Orten der Verputz ab. «Wir haben das abklären lassen. Schuld ist wohl der heutige Boden in der Kirche. Dieser ist undurchlässig. Die Feuchtigkeit steigt deshalb in den Mauern auf, wo dann die Farbe abblättert.» Dem Kirchturm sieht man das Alter an. «Bauphysikalisch ist der Turm intakt. Er sieht vielleicht optisch nicht so schön aus. » Nur neu streichen sei aber teuer, weil der Kirchturm dafür komplett eingerüstet werden müsste. «Und ein paar Jahre später würde er wieder gleich wie heute aussehen», weiss Franz Rutzer.
Er möchte die knapper werdenden Finanzen nicht nur in den Erhalt der Immobilien investieren, sondern auch in die Seelsorge. «Dieser direkte Dienst am Menschen ist mir sehr wichtig», sagt er. Generell fragt er sich, wie viele Gebäude sich die Gläubigen künftig noch leisten können. Und versichert gleich: «Die Eggenwiler Kirche wird sicher auch in 10 oder 20 Jahren noch bestehen. Die Frage ist mehr, mit welchen Nutzungen?»
Neue Ideen gesucht
Um das zu klären, schwebt Franz Rutzer eine Projektgruppe vor. Diese soll Ideen sammeln. «Denkbar ist für mich zum Beispiel, dass wir die Kirche vermehrt für Konzerte und Künstler, als Bibliothek oder als Mehrzweckraum nutzen können. Die Gedanken sind frei. Wichtig ist,der Kirchenraum soll ergänzend für unterschiedliche Anlässe und Begegnungen offenstehen. »
Ein Problem sei allerdings die Erschliessung mit den sehr wenigen Parkplätzen. Keine Probleme bereiten ihm das Pfarrhaus, das vermietet ist und das Rebhäuschen. Letzteres ist als Sitzungszimmer mit kleiner Küche umgebaut und mit einer öffentlichen Toilette ausgestattet. «Dieses Rebhäuschen kann man mieten. Wir haben ihm also eine neue Bedeutung gegeben. Das wird uns deshalb sicher auch mit der Kirche gelingen», ist Franz Rutzer überzeugt. Er sinniert: «Dieses Gotteshaus wurde über die Jahrhunderte immer wieder den aktuellen Bedürfnissen angepasst und ist deshalb ausgebaut worden. Mit den veränderten Bedürfnissen soll die Kirche als spiritueller Ort erhalten bleiben und gleichzeitig als multifunktionaler Begegnungsraum für die Gemeinschaft genutzt werden können.» Er sieht in diesem Gebäude eine riesige Chance. «Eine solche Kirche kann ein Ort sein, wo man zur Ruhe und Einkehr kommt und dadurch neue Inspiration und Lebensfreude findet. In der heutigen schnelllebigen Welt hat das sicher seine Berechtigung. Vielleicht müssten wir das einfach noch bekannter machen.»
Die Serie
Die Welt verändert sich stetig, Dinge verschwinden. Als Beispiel: Die Post hat in den letzten Jahren immer mehr Filialen abgebaut. In der Sommerserie «Immer noch da» greift die Redaktion Handwerke, Vereine und Themen auf, die sich über die Jahrzehnte gehalten haben. Von der Wyssebacher Sagi über den «Chäber» in Wohlen bis zur Lohnbrennerei oder zum Oldtimer-Museum.
--red



