Als dem Freiamt ein Licht aufging
27.05.2026 Muri, Energie30 Jahre Energie Freiamt AG, über 120 Jahre Stromversorgung: Wie ein Metzger Muri unter Strom setzte
Metzgermeister und Grossrat Johann Villiger erkennt früh das Potenzial der Wasserkraft, sichert sich die Wasserrechte am Aspiweiher oberhalb von Muri und beginnt ...
30 Jahre Energie Freiamt AG, über 120 Jahre Stromversorgung: Wie ein Metzger Muri unter Strom setzte
Metzgermeister und Grossrat Johann Villiger erkennt früh das Potenzial der Wasserkraft, sichert sich die Wasserrechte am Aspiweiher oberhalb von Muri und beginnt 1904 auf eigene Faust mit der Stromproduktion. Was mit ein paar Glühbirnen beginnt, bringt schon bald eine ganze Region zum Leuchten. Villiger wird zum Energiepionier im Freiamt.
Um 1900 kommt Bewegung in den Ort. Die vier Ortsbürgergemeinden von Muri – Wey, Dorf, Egg und Hasli – schliessen sich zusammen. Aufgaben wie Strassenbau, Schulwesen oder Armenfürsorge werden zunehmend gemeinsam organisiert. Die Gemeinde wird handlungsfähiger, moderner. In diese Aufbruchstimmung fällt auch die Elektrifizierung. Am Aspiweiher nutzt Jean Villiger, wie er allgemein genannt wird, die Möglichkeiten, die sich ihm bieten – entschlossen und gegen reichlich Skepsis. Vieles, was es dazu braucht, gibt es in nächster Nähe: Von Baden aus liefert die florierende BBC nämlich bereits weltweit die Technik, mit der elektrische Energie überhaupt erst erzeugt und verteilt werden kann.
Noch produziert Villiger im kleinen Rahmen. Doch das Interesse wächst rasant. Elektrisches Licht und elektrische Kraft verändern den Alltag, in den Werkstätten ebenso wie in den Haushalten. Aus einem Versuch wird innert weniger Jahre ein begehrtes Angebot.
Elektrizität wird Gemeindesache
Mit der steigenden Nachfrage stösst Villigers Anlage bald an ihre Grenzen. Er reagiert rasch und bezieht zusätzliche Energie vom Laufwasserkraftwerk Beznau, das 1902 in Betrieb gegangen ist. Damit wird Muri bereits 1908 Teil eines grösseren Netzes – ein kleiner Ort, angeschlossen an eine neue Welt. Die Spannung steigt von 3000 auf 8000 Volt, die Versorgung wird leistungsfähiger, erste zusammenhängende Netzstrukturen entstehen.
Gleichzeitig zeigt sich: Eine rein privat organisierte Stromversorgung hat Grenzen, technisch, organisatorisch und finanziell. Der entscheidende Schritt folgt wenig später. 1918 übernimmt die Gemeinde Muri Villigers Werk und macht Elektrizität zur öffentlichen Aufgabe. Fortschritt braucht plötzlich Mehrheiten. Dieser Entscheid steht exemplarisch für eine breitere Entwicklung: Infrastrukturen werden zunehmend von der öffentlichen Hand organisiert. Versorgungssicherheit, Ausbau und Tarife werden politisch verhandelt. Stehen Investitionen an, entscheidet die Gemeindeversammlung. Das ist demokratisch, aber schon damals nicht besonders effizient.
Erste «Flatrates» verschwinden
Die Gemeinde richtet eine Elektrizitätskommission ein, Anlagen werden erfasst, der Betrieb strukturiert. Über 300 Stromzähler ersetzen die bisherigen Pauschalabos – gewissermassen die ersten «Flatrates». Der Verbrauch wird erstmals systematisch gemessen und verrechnet. Eine zentrale Figur dieser Zeit ist der Elektromonteur Josef Leuthard, der bereits bei Villiger gearbeitet hat. Mit einem Monatslohn von 200 Franken, einer Gratiswohnung und kostenloser Beleuchtung gehört er zu den gut entlöhnten Fachkräften seiner Zeit. Nicht von ungefähr: Er ist für den operativen Betrieb verantwortlich. Und damit für die praktische Umsetzung der Elektrifizierung im Alltag.
Schon kurz nach der Übernahme setzt die Gemeinde mit Jakob Fischer (1919–1920) den ersten Betriebsleiter ein. Seine Amtszeit bleibt kurz. Umso prägender wirkt Walter Baumann, der das Werk von 1920 bis 1951 führt und den Netzausbau über Jahrzehnte hinweg vorantreibt.
Strom erobert den Alltag
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hält die Elektrizität Schritt für Schritt Einzug in den Alltag. Besonders lokale Betriebe profitieren früh: etwa die Freiämter Mosterei im Gebiet Katzenbach, eng verbunden mit der regionalen Landwirtschaft. Später folgen die Ziegelei, mechanische Werkstätten und Metallverarbeitungsbetriebe wie jener der Gebrüder Wild, die schon bald auf elektrische Energie setzen. Strom wird damit zu einem entscheidenden Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung von Muri. Gleichzeitig verändert er den Alltag der Bevölkerung. Sichtbares Zeichen dafür ist der Verkaufsladen des Elektrizitätswerks an der Seetalstrasse. Im Schaufenster stehen Geräte, die das Leben einfacher machen sollen. «Alles, was einen Stecker hat», wird hier verkauft.
Doch Strom wird nicht nur geliefert, sondern auch erklärt. Das EW-Personal bringt die Bevölkerung auf den Stand der Technik. Kurse – etwa für elektrische Nähmaschinen der Marke Singer – vermitteln bereits 1929 den Umgang mit den neuen Möglichkeiten.
Krieg und Krise
Die Zwischenkriegszeit und die Jahre des Zweiten Weltkriegs bringen Unsicherheit und Materialknappheit. Auch im Freiamt wird Energie plötzlich zu einer Frage der Verfügbarkeit. Gleichzeitig wächst ihre Bedeutung weiter. Elektrizität wird zur Voraussetzung für das Funktionieren des Alltags, auch wenn die Versorgung alles andere als selbstverständlich ist. Nach dem Krieg steigt der Strombedarf stark an. Neue Anwendungen verändern den Energieverbrauch grundlegend. Netztechnische Anpassungen werden notwendig. Ein wichtiger Schritt ist 1949 – nach jahrelanger Diskussion – die Umstellung der Netzspannung. Die Investition von rund 350 000 Franken entspricht damals den Baukosten mehrerer Wohnhäuser, doch sie bildet die Grundlage für eine stabile Versorgung.
Als Josef Hengartner 1951 die Betriebsleitung übernimmt, beginnt eine Phase des Wachstums. Mit steigenden Anforderungen wächst auch der Anspruch der Bevölkerung: Das Elektrizitätswerk soll zuverlässig funktionieren und im Störungsfall rasch reagieren. 1961 wird dafür das erste eigene Fahrzeug angeschafft, ein Fiat-Transporter.
Ein Betrieb zeigt sich
Ein sichtbares Zeichen des Erfolgs ist das neue Werksgebäude an der Seetalstrasse, das 1969 bezogen wird. Der Umzug gleicht einem kleinen Schaulaufen. Der Stolz der Mitarbeitenden ist spürbar. Aus einem gewachsenen Betrieb ist eine Organisation geworden, die sich zeigen darf. Gleichzeitig entsteht unter der Oberfläche ein immer dichteres Netz. Anfang der 1990er-Jahre umfasst es rund 160 Kilometer Leitungen, die grösstenteils unterirdisch verlegt sind. Transformatorstationen sorgen für die Verteilung bis in die Haushalte. In dieser Zeit führt Bruno Bühlmann das Elektrizitätswerk. Er folgt auf Josef Strebel (Betriebsleiter 1973–1988) und entwickelt die Organisation weiter. Zu seinen wichtigsten Impulsen zählt die Förderung der Fernwärme.
Eine neue Struktur
Bereits vor der Gründung der Energie Freiamt AG wird Energie in Muri weitergedacht. In Zusammenarbeit mit der Abwasserreinigungsanlage wird Abwärme genutzt und für die Wärmeversorgung eingesetzt – für die damalige Zeit bemerkenswert. Das klassische Elektrizitätswerk wird zum umfassenden Energieversorger, der Energieflüsse vernetzt denkt und effizient nutzt. Bis in die 1990er-Jahre bleibt das Werk eng mit der Gemeinde verbunden. Mit steigenden Anforderungen wird jedoch eine neue Struktur notwendig. 1996 erfolgt die Umwandlung in die Energie Freiamt AG, ein Schritt, der vieles verändert und gleichzeitig auf einem gewachsenen Fundament aufbaut.
«Die AG hat es ermöglicht, schneller zu reagieren, Partnerschaften einzugehen und neue Geschäftsfelder aufzubauen», sagt Sepp Etterlin, der als Gemeindevertreter diesen Prozess begleitet hat und heute Verwaltungsratspräsident der Energie Freiamt AG ist.
--red
Jubiläum voller Energie
Die Energie Freiamt feiert nicht einfach ein Jubiläum. Sie hält das Freiamt ein ganzes Jahr lang in Bewegung. 2026 wird zum Festjahr mit Begegnungen, Einblicken und Erlebnissen für die ganze Region. Ein Höhepunkt ist der Wettbewerb für Erwachsene: Zu gewinnen gibt es ein Städteweekend im Zeichen der Freiämter Fussballerin Alayah Pilgrim inklusive Länderspiel, Meet & Greet und vielen Emotionen. Für Kinder gibt es beim Malwettbewerb tolle Preise zu gewinnen. Thema: «Deine Welt von morgen». Mit dem Projekt «Energiekick für Vereine» unterstützt die Energie Freiamt lokale Initiativen mit bis zu 2000 Franken. Gesucht sind gute Ideen – eingereicht per Video (ab Sommer). Schulklassen tauchen bei Exkursionen in die Welt der Photovoltaik ein. Gleichzeitig öffnet die Energie Freiamt ihre Türen für Einblicke in Technik, Netze und Versorgung (Herbst). Auch ausserhalb des eigenen Standorts ist die Energie Freiamt präsent – etwa an der Gewerbeausstellung Muri im Herbst.
Alle Infos: www.energie-freiamt.ch


