Ganz viel Redebedarf
30.06.2026 Region Unterfreiamt, NiederwilAn der «Gmeind» in Niederwil war das neue Gemeindehaus das grosse Thema
Die ordentlichen Traktanden waren im Eilzugtempo behandelt, alle Anträge passierten einstimmig oder mit grossem Mehr. Dafür dauerten die Infos des Gemeinderates über aktuelle ...
An der «Gmeind» in Niederwil war das neue Gemeindehaus das grosse Thema
Die ordentlichen Traktanden waren im Eilzugtempo behandelt, alle Anträge passierten einstimmig oder mit grossem Mehr. Dafür dauerten die Infos des Gemeinderates über aktuelle Themen viel länger. Die neue Strategie beim Gemeindehaus, sie gefällt nicht allen.
Chregi Hansen
Vor Kurzem hat der Gemeinderat die Bevölkerung informiert, dass beim Bau des neuen Gemeindehauses nicht nur auf eine Tiefgarage, sondern sogar auf eine Unterkellerung generell verzichtet wird. «Darüber haben sich viele gewundert. Aber auch unser Erstaunen war gross, als wir die Ergebnisse der Baugrunduntersuchung erhalten haben», erklärt Gemeindeammann Norbert Ender an der «Gmeind». Man habe zwar gewusst, dass es in diesem Gebiet Probleme mit dem Grundwasser gibt. «Aber dass es so schlimm ist, konnte niemand ahnen», so Ender weiter.
Wegen des schlechten Baugrunds wird auf eine Tiefgarage verzichtet. Dabei hatte die «Gmeind» eine solche explizit gewünscht. Und dass jetzt komplett auf eine Unterkellerung verzichtet wird und die dadurch wegfallenden Räume durch eine Verbreiterung des geplanten Gebäudes in anderen Geschossen platziert werden, finden auch nicht alle gut. Ob denn der Gemeinderat einfach ein bereits bewilligtes Projekt abändern dürfe, wollte ein Stimmbürger wissen. «Im Prinzip sind wir an den Entscheid der Stimmbürger gebunden. Aber wenn sich Probleme ergeben, müssen wir reagieren», verteidigt sich der Ammann. Falls man damit nicht einverstanden sei, könne man einen entsprechenden Antrag stellen. «Und am Schluss stimmt ihr auch noch über den Baukredit ab. Ihr habt also in jedem Fall das letzte Wort.»
Andere zeigen sich erstaunt, dass man sich vom Grundwasser abschrecken lässt. Mit einer Absenkung könne man trotzdem in die Tiefe bauen. Auch hier wehrt sich Ender. «Wenn wir hier graben wollen, brauchen wir eine Bewilligung vom Kanton. Und weil das Projekt in einem Gewässerschutzbereich liegt, müssten wir nachweisen, dass wir die Parkplätze nirgends anders realisieren können.» Ein Festhalten an der Tiefgarage oder am Keller bringt gleich mehrere Unwägbarkeiten mit sich. Bewilligt der Kanton das Projekt? Wie gross werden die Mehrkosten? Und wie gross sind die Verzögerungen durch das Bewilligungsverfahren?
Kreditentscheid fällt wohl erst nächstes Jahr
Trotzdem haben etliche Bürger Mühe mit der Strategieänderung und äussern dies. Norbert Ender sieht aber auch Vorteile in der Projektänderung. Weil das Gebäude nun breiter wird als ursprünglich geplant, lassen sich gewisse Raumaufteilungen noch optimieren. Und auch der Kultursaal wird vermutlich etwas grösser. Teurer sollte das Ganze nicht werden, eher sogar günstiger durch den Wegfall der Unterkellerung. «Im Moment laufen die Detailplanung und die Kostenberechnung. Vermutlich wird es aber nicht mehr reichen, dass wir an der Winter- ‹Gmeind› darüber abstimmen können», schaut er voraus. Trotzdem ist er überzeugt, dass das neue Gemeindehaus im Jahr 2029 bezugsbereit ist.
Einsprache gegen Leitung
Interessante Neuigkeiten wusste Gemeinderat Lukas Vock von der geplanten Hochspannungsleitung Niederwil-Obfelden zu berichten. Die Gemeinde Niederwil hat gleich zweimal gegen das Projekt Einsprache eingelegt. Zum einen zusammen mit den anderen betroffenen Gemeinden, die eine Erdverkabelung fordern. Zum anderen als Grundstückbesitzerin gegen die Lage von zwei Masten, die nach Ansicht des Gemeinderates zu exponiert in der Landschaft stehen würden.
«Die Einsprachen sind wichtig, sonst sind wir draussen im Verfahren, erhalten keine Einsicht mehr und werden auch nicht mehr ernst genommen», so Vock an der «Gmeind». Man sei überzeugt, dass die jetzt vorgeschlagene Lösung nicht die beste sei. «Ob wir den Fall bis vors Bundesverwaltungsgericht ziehen, ist noch offen. Denn das würde dann Kosten nach sich ziehen», erklärt der zuständige Gemeinderat. Aber er ist überzeugt, dass sich das Projekt durch den Widerstand um mehrere Jahre verzögern wird.
EW gab keinen Anlass für grosse Diskussion
Die eigentlichen Traktanden sind schnell behandelt. Sogar der Kredit über 32000 Franken für eine Variantenanalyse zur künftigen Ausrichtung des EW passiert mit 72 Ja zu 28 Nein deutlich. Ein Stimmbürger spricht sich vor der Abstimmung dagegen aus. «Die Ablehnung des Verkaufs des EW vor elf Jahren war eine der besten Entscheidungen. Unser Elektrizitätswerk steht gut da, die Tarife sind günstig, und das Werk wirft jedes Jahr Geld ab. Für diese 32000 Franken bekommen wir lediglich ein Papier ohne Mehrwert», so seine Begründung. Norbert Ender macht aber darauf aufmerksam, dass sich das Umfeld in der Strombranche massiv verändert. «Es geht nicht mehr nur darum, Leitungen zu bauen, Es geht darum, die Verteilung des Stroms intelligent zu steuern», erklärt er. Und mit der geplanten Variantenanalyse sei noch gar nichts entschieden. Man wolle nur Fakten sammeln, um den künftigen Weg zu planen. Und das sieht die grosse Mehrheit auch so.
Diskussionslos passieren an diesem Abend der Rechenschaftsbericht, das Einbürgerungsgesuch und die Kreditabrechnung für den Netzanschluss an die Wasserversorgung in Wohlen. «Aktuell sehen wir, wie sinnvoll dieses Projekt war», sagt Gemeinderat Manuel Stoop, der seinen ersten Auftritt an der «Gmeind» hat. Und auch die neue Gemeinderätin Nina Haas präsentiert erstmals die Rechnung. Die fällt sehr positiv aus – was einen Stimmbürger zur Frage veranlasst, warum in der Finanzplanung der kommenden Jahre trotzdem eine Erhöhung des Steuerfusses vorgesehen ist. «Aktuell stehen wir gut da. Aber angesichts der kommenden Investitionen muss dies nicht immer so bleiben. Ob eine Erhöhung in zwei, drei Jahren wirklich nötig ist, sehen wir dann», entgegnet sie.
Hochbrisant war die Traktandenliste an der «Gmeind» in Niederwil nicht. Zudem war es sehr heiss an diesem Abend. Trotzdem nahmen 105 Stimmberechtigte an der Versammlung teil. Und machten damit ihren Gemeindeammann stolz. «Dass heute so viele kommen, damit haben wir nicht gerechnet. Aber euer Interesse am Dorf freut uns umso mehr», erklärte er in seiner Begrüssung.
Beim Eingang in die Halle wartete die erste Überraschung. Die Stimmrechtsausweise wurden von niemand Geringerem als Cornelia Stutz kontrolliert, die bis Ende letztes Jahr noch Vizeammann war. «Sie hat sich spontan zur Verfügung gestellt, weil die eigentlichen Stimmenzähler ausgefallen sind», erklärte Ender. Allerdings musste trotzdem alles seine Ordnung haben. Um ihr Amt ausüben zu können, musste Cornelia Stutz von den Stimmberechtigten erst gewählt werden. Sie schaffte diese Hürde ebenso locker wie früher die Wahlen in den Gemeinderat. Aber die Aufgabe als Stimmenzählerin war sicherlich viel einfacher als früher in der Funktion als Vizeammann.
An der Versammlung informierte Gemeinderat Lukas Vock auch über den Stand der kantonalen Projekte Hägglingerstrasse respektive Radweg Reusspark. Stand jetzt seien beide beim Kanton für das Jahr 2027 vorgesehen. Da in beiden Fällen der Landerwerb noch nicht begonnen hat, zweifelt Vock an dieser Aussage. «Wenn es im bisherigen Tempo weitergeht, wird es nichts mit 2027. Leider können wir als Gemeinde hier keinen Einfluss nehmen», bedauerte er.
Und noch ein Projekt beschäftigt den Kanton. Beim Säubern des Storchennests auf dem Kandelaber im Kreisel ist dieses Nest heruntergefallen. Seither sieht man immer wieder «traurige Störche» um den Mast kreisen, wie ein Stimmbürger bemerkt hat. Ob denn dort wieder ein Nest hinkommt, wollte er wissen. Der Lichtmast gehöre dem Kanton. Und da dieser Mast nicht ausgerichtet sei für die Traglast eines solch schweren Nestes, prüfe der Kanton jetzt einen anderen Standort. Aber, so Ender, hier gehe es leider ebenso langsam vorwärts wie bei den beiden anderen Projekten.
Chregi Hansen

