Ganz viele Spuren hinterlassen

  03.07.2026 Region Unterfreiamt, Niederwil, Porträt

Direktor Urs Bosisio geht in den Ruhestand – am Dienstag war sein letzter Arbeitstag

Eigentlich war alles anders geplant. Der Hägglinger Banker ging frühzeitig in Pension, gab sein Amt als Ammann ab. Freute sich auf mehr Freizeit. Dann übernahm er in einer Notsituation die Leitung des Reussparks. Und brachte die Institution wieder zurück auf Kurs.

Chregi Hansen

«Es musste alles sehr schnell gehen», erinnert sich Urs Bosisio an die Tage Ende November 2021. Nachdem der Vorstand beschlossen hat, sich nach wenigen Monaten per sofort von der neuen Direktorin zu trennen, fragte ihn Präsident Kurt Notter an, ob er die Führung interimistisch übernehmen würde. «Ich musste keine fünf Sekunden überlegen. Für mich war klar: Das mache ich. Sonst wäre ich falsch im Vorstand.»

Der Entscheid zur Trennung fiel nach einer anberaumten Sitzung an einem Sonntagabend. Bereits am folgenden Tag trat Bosisio seine neue Stelle an. «Ich kannte mich überhaupt nicht aus in der Institution. Auf dem Weg zu meiner ersten Sitzung habe ich mich prompt verlaufen», erzählt er. Heute kann er darüber lachen. Damals aber war die Situation kritisch. «Wir standen kurz vor dem Supergau. Verschiedene Schlüsselpersonen hatten ihre Kündigung eingereicht oder angedroht und wollten sich an die Medien wenden», erinnert sich der abtretende Direktor. In dieser Zeit war er selber noch als Gemeindeammann von Hägglingen tätig. «An einzelnen Tagen bin ich fünfbis sechsmal hin- und hergefahren», so Bosisio.

Gut aufgestellt für die Zukunft

4,5 Jahre ist das her. Im Rückblick habe sich der Entscheid des Vorstands als komplett richtig erwiesen. Und auch die Wahl von Urs Bosisio als neuer Direktor. Im Reusspark ist wieder Ruhe eingekehrt. Die Institution ist personell und finanziell gut aufgestellt, gilt in vielen Bereichen gar als führend. Selbst diejenigen, welche seine Wahl damals kritisiert haben und ihm die nötige Qualifikation absprachen, mussten sich eingestehen, dass der frühere Spitzenbanker gute Arbeit geleistet hat. «Sie grüssen mich heute alle wieder», schmunzelt Bosisio. Nun aber ist seine Mission erfüllt. «Ich habe immer klargemacht, dass ich keine langfristige Lösung bin. Eines meiner Ziele war, einen Nachfolger aus den eigenen Reihen aufzubauen. Das ist mir gelungen.» Per 1. Juli übernahm Dominik Bammatter das Amt des Direktors.

Urs Bosisio kam 2019 als Vertreter der Gemeinden in den Vorstand. «Ich kannte den Reusspark bis dahin gar nicht und hätte mir auch nie vorstellen können, hier einmal die Leitung zu übernehmen», gesteht er. Damals wurde gerade intensiv über das Thema Golfplatz gestritten. Das damalige Nein bedauert der 71-Jährige immer noch. Aber man habe schnell reagiert und stattdessen auf das Thema Biodiversität gesetzt – und das mit Erfolg. «Heute ist Niederwil eine Pioniergemeinde in Sachen Biodiversität», sagt er stolz. Abhaken und Neues anpacken, das war schon immer sein Credo. Und das hat er auch im Reusspark vorgelebt.

Die Menschen in den Mittelpunkt gestellt

Vom Banker zum Leiter einer Pflegeinstitution, von den Zahlen zu den Menschen. Urs Bosisio ist eingetaucht in eine völlig neue Welt. Aber verbiegen musste er sich deswegen nicht. «Ich habe nach den gleichen Prinzipien geführt wie in meinen letzten Jahren auf der Bank oder als Gemeindeammann», betont er. Den Menschen in den Mittelpunkt stellen, sich mit guten Leuten umgeben und sie machen lassen, ihnen Vertrauen schenken und Verantwortung übergeben, das war stets sein Prinzip. Natürlich gebe es auch Unterschiede. «In der Bank zählen primär die Zahlen. Die Arbeit hier im Reusspark ist viel sensibler. Die Mitarbeitenden müssen spüren, was die Bewohner wollen, denn diese können sich oft nicht artikulieren.»

Alle können einen Beitrag leisten

Was die Pflege selber betrifft, so bezeichnet sich Bosisio noch immer als Laie. «Es gibt so viele verschiedene Angebote, es braucht dafür Experten.» Vielleicht war dies gerade ein Vorteil, dass er eben kein Pflegespezialist ist, er hat den Mitarbeitenden vor Ort nicht reingeredet, aber Inputs von aussen geliefert. Für ihn basiert der Erfolg einer Institution auf drei Säulen. 1. Zufriedenheit, 2. Vertrauen, 3. Unternehmertum. So ist es ihm gelungen, dem Personal zu vermitteln, dass auch in einem Pflegeheim die Finanzen wichtig sind. Dass alle einen Beitrag leisten müssen zu guten Zahlen. Dass das Geld für den Lohn auch erst verdient werden muss. «Wenn es jedem gelingt, in seinem Bereich kleine Einsparungen zu erzielen, dann schlägt sich das im Gesamtergebnis stark nieder.» Dass dieses Umdenken gelungen ist, darauf ist der ehemalige Banker stolz. Gleichzeitig zeigte sich der Reusspark grosszügig gegenüber den Angestellten, neben vielen weiteren Benefits haben alle sechs Wochen Ferien. «Es ist ein Zusammenspiel.»

Dass er über das Pensionsalter hinaus gearbeitet hat, das hat ihn nicht gestört. «Ich bin bei der Bank vorzeitig in Pension gegangen. Habe jetzt diese Jahre quasi nachgeholt», lacht er. Natürlich hat er ab und zu darüber nachgedacht, ob er das Richtige tue. «Es gab eben auch schwierige Momente. Etwa die Todesfälle von drei Mitarbeiterinnen. Oder wenn Freunde oder Bekannte plötzlich zu schweren Pflegefällen wurden.» Umgekehrt hat er so viel Schönes erlebt. «Ich hatte das Privileg, dass meine Mutter hier ihren Lebensabend verbringen konnte und ich sie so täglich sehen konnte. Und das bis über den 100. Geburtstag hinaus.» Dies habe ihm auch die Sichtweise als Angehöriger ermöglicht. Und letztlich dazu geführt, dass sich der Reusspark um das renommierte Zertifikat Leading Nursing Homes (LNH), einem Zertifikat für exzellente Pflegeeinrichtungen, bemühte. Und die Auszeichnung vor einem Jahr als erste Aargauer Institution erhalten hat.

Fast alle Ziele erreicht

Die Arbeit hier habe ihn sicher auch etwas demütig gemacht. «Man wird dankbar dafür, dass man selber gesund ist», sagt er. Im Reusspark ist man fast täglich mit dem Thema Tod konfrontiert. Dies zum Motto für zwei Jahre machen und rund herum ganz viele Anlässe organisieren, das war für ihn folgerichtig, auch wenn er dafür teilweise kritisiert wurde. Inzwischen weiss man: «heiwärts» ist ein Erfolg, die Anlässe sehr gut besucht, auch von Mitarbeitenden anderer Institutionen, sogar von ganz Jungen. «Bei uns ist der Tod immer noch ein Tabuthema, während er in anderen Ländern richtiggehend zelebriert wird. Hier Gegensteuer geben und sagen: Es ist gut, sich damit zu beschäftigen – das war der richtige Schritt.» «heiwärts» dauert noch bis Ende Jahr. Welches Motto ab 2027 gilt, das will er aber noch nicht verraten.

Bei seinem Stellenantritt hat der Vorstand Bosisio verschiedene Ziele vorgegeben. «80 bis 90 Prozent davon wurden erreicht», zieht er eine positive Bilanz. Dazu gehörte unter anderem, die Geschäftsleitung zu einem Team zu formen, ein neues Finanzsystem auf die Beine zu stellen, ein neues Leitbild zu erarbeiten. Auch wenn vieles erledigt ist, so gibt es für seinen Nachfolger noch genug zu tun, sagt der abtretende Direktor. «Ich habe den Fokus auf die Organisation und deren Entwicklung gelegt, das war dringlich. Jetzt geht es um viele bauliche Fragen, um Sanierungen, um das Wohnambiente generell», zählt er auf. Das Hauptgebäude ist inzwischen 40-jährig und entspricht nicht mehr den heutigen Anforderungen. Auch die fehlenden Pflegebetten sind ein Problem, das man angehen müsse. Da wünscht sich Bosisio, dass der Kanton den Lead übernimmt. «Wo investiert eine Gemeinde eher, wenn es finanziell eng wird? In Pflegebetten oder in den Schulraum? Die Antwort ist klar. Darum muss der Kanton aktiver werden.» Aber diese Themen überlässt er jetzt gerne seinem Nachfolger.

Keine neuen Ämtli annehmen

Im Reusspark hat heute vieles Platz: Pflege, Kultur, Kulinarik, Biodiversität, Tiere, Spielplatz, Museum. Ist das nicht fast schon zu viel des Guten? «Es geht alles gut zusammen, wenn man will. Die Kombination ist bereichernd», findet Bosisio. Und ermöglicht dem Reusspark, sich und seine Arbeit bekannter zu machen. An manchen Tagen herrscht auf dem Areal reger Betrieb. «Die Schulklassen, die zu uns kommen, bringen einen wertvollen Generationenmix. Diese Begegnungen mit Kindern werden von unseren Bewohnenden sehr geschätzt. Und wir können und wollen das Areal nicht einzäunen.» Dennoch brauche es klare Grenzen. «Ich habe auch schon Leute weggeschickt, die hier picknicken wollten.» Entscheidend sei ein respektvoller Umgang miteinander. Im Zentrum müssten immer die Bewohnenden und ihre Bedürfnisse stehen.

Urs Bosisio geht mit einem guten Gefühl. Er hat die Aufgabe nicht gesucht, aber sie gern ausgeübt. Und wenn man beobachtet, wie herzlich ihn die Mitarbeitenden und Bewohnenden grüssen auf seinem letzten Rundgang, wird deutlich, dass er hier seine Spuren hinterlassen hat. Die unruhigen Zeiten 2021, sie sind längst vorbei. Vorbei ist auch seine Zeit im Reusspark. Was wird er vermissen? «Die vielen Begegnungen mit den Menschen. Auch die vielen, sich immer wieder verändernden Themen, das hat mir gefallen», sagt er. Jetzt aber macht er ganz bewusst einen Break. «Ich bin die kommenden Wochen in den Ferien. Man wird mich wohl länger nicht mehr hier sehen. Höchstens mal als Gast im Restaurant.» Beim zweiten Anlauf soll der Wechsel in den Ruhestand klappen. Ob er sich später mal als Freiwilliger engagieren wird, kann er noch nicht sagen. «Ich bin stolz auf mich. Ich habe noch kein anderes Ämtli übernommen», lacht er zum Schluss. Ob das so bleibt, muss sich noch zeigen.


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