Gleich ins Wespennest gestochen

  14.07.2026 Region Unterfreiamt, Sarmenstorf

In Sarmenstorf wurden Thomas und Ruth Furrer zu Ehrenbürgern ernannt

Es ist ihnen nicht ganz recht. «Andere leisten auch viel und hätten die Ehrung ebenfalls verdient», sagt das Ehepaar Furrer. Aber stolz auf die Auszeichnung sind sie trotzdem. Denn in all den Jahren ist Sarmenstorf Heimat geworden.

Chregi Hansen

Oft werden sie heute gefragt, was ihnen die Auszeichnung denn bringt. «Ich denke, das Ehrenbürgerrecht will eigentlich nicht mehr und nicht weniger sein als ein grosses Dankeschön. Und einen solchen Dank nimmt man doch immer gerne an. Es vermittelt Anerkennung und Wertschätzung, die wir gerne geniessen. Persönliche Vorteile wären dabei völlig unangebracht», findet Thomas Furrer.

Steuern müssen sie als Ehrenbürger also trotzdem zahlen, erzählen sie lachend. Aber eine Ehrenurkunde haben sie erhalten, die sie dem Gast gerne zeigen. Man spürt: Die Ernennung zu Ehrenbürgern freut Thomas und Ruth Furrer. Aber zu wichtig nehmen sie sich dann doch nicht. «Wir sind doch nichts Besonderes. Andere haben vermutlich mehr geleistet», sagen sie.

Keine «fremden Fötzel» mehr

Überhaupt: «Ich dachte zuerst, er macht einen Scherz», erinnert sich Thomas Furrer an den Moment, als Roman Lindenmann, selbst auch Ehrenbürger, ihnen mitteilte, dass er einen entsprechenden Antrag an der «Gmeind» stellen wird. Und prompt waren der ehemalige Hausarzt und seine Frau dann Thema in der Fasnachtszeitung. Doch Lindenmann war es ernst, und der Gemeinderat und die Stimmbürger waren ebenfalls der Meinung, dass das Ehepaar die Ehrung verdient hat. Dass ausgerechnet sie als eigentlich «fremde Fötzel» diese Auszeichnung erhalten, das erstaunt sie noch immer. Er ist im Baselbiet aufgewachsen, sie im Luzernischen. «Aber heute ist Sarmenstorf unsere Heimat», sagen sie unisono.

Thomas Furrer kam, zusammen mit seiner ersten Frau, 1994 ins Dorf. Er hatte nach dem Medizinstudium lange im Spital Muri gearbeitet. Da sein Vater ursprünglich aus Büelisacker stammt und er noch Verwandte hier hat, kannte er die Gegend. Der damalige Sarmenstorfer Hausarzt suchte zu jener Zeit einen Nachfolger für seine Praxis, Vizeammann Hansruedi Widmer versuchte, Furrer nach Sarmenstorf zu locken. «Aber die Praxis war zu klein und veraltet. Eine Übernahme kam nicht infrage», schaut der Mediziner auf diese Zeit zurück. Aber er fand Gefallen am Dorf, eröffnete mit seiner Frau, einer ausgebildeten Praxisassistentin, eine eigene Praxis – was damals finanziell eine grosse Herausforderung war.

Rund um die Uhr erreichbar

Doch der Entscheid war für Sarmenstorf ein Glücksfall. Und für ihn auch. Fast 30 Jahre lang war Thomas Furrer im Dorf als Hausarzt tätig. Und in dieser Zeit praktisch rund um die Uhr erreichbar. Er war so gut wie immer für seine Patienten da, selbst in den Ferien. «Sogar auf der Reise in die Arktis bekam er einen Telefonanruf aus dem Altersheim», erinnert sich Ruth Furrer.

Für ihren Mann war Arzt eben mehr Berufung als Beruf. Und Hausarzt sein für ihn das Grösste. «Ich wollte mich nie spezialisieren. Mich interessierte der Mensch als Ganzes, und zwar von der Wiege bis zur Bahre», sagt er. Dass er ab und an in seiner Freizeit gestört wurde, empfand er nicht als negativ und wurde auch nie unnötig ausgenutzt. Er wollte eben auch in seiner Abwesenheit über das Wichtigste informiert sein, «sonst hätte ich nach den Ferien Stunden gebraucht, um alles aufzuarbeiten. Aber ich wollte Zeit haben für die Patienten und nicht für das Aktenstudium», sagt er. Der grosse Zeitaufwand war für ihn einfach normal. Er war Teil des Dorfes und für das Dorf da. Für ihn war auch logisch, dass er in dem Dorf leben will, in dem er arbeitet. Dass die jungen Ärzte heute anders denken, das sei eben so, sagt er.

Gemeinsam in der Praxis gearbeitet

Ruth und Thomas Furrer haben sich 2008 kennengelernt, bald schon zog sie zu ihm. Auch sie hat Freiämter Wurzeln, ihre Mutter stammt aus Aristau. Viele Jahre hat sie als Lehrerin gearbeitet, nach ihrem Umzug auch in Sarmenstorf selber. «Es kam schon mal vor, dass mich ältere Bewohner als Frau Doktor anredeten, das kam mir komisch vor», erinnert sie sich. Später kam der Wunsch auf, ihren Mann zu unterstützen, und sie machte die Ausbildung zur Sprechstundenassistentin. «Mich hat die Medizin schon immer interessiert. Aber ein Studium war für mich als junge Frau nicht möglich.» Im gleichen Betrieb zu arbeiten, das war für die eiden kein Problem. «Jeder hatte seinen Bereich, für den er zuständig war», sagt er. «Er hat sich um die Patienten gekümmert, ich um das Drumherum», sagt sie. Vor drei Jahren konnten sie die Praxis – nach langer Suche – an ihre Nachfolger übergeben. Seither geniessen sie die freie Zeit, sind oft im Ferienhaus auf dem Stoos oder auf Reisen. Und freuen sich über die Kontakte zu den Kindern und Grosskindern.

Im Altersheim für ein Umdenken gesorgt

Doch Thomas Furrer war mehr als ein Hausarzt – sonst hätte man ihn kaum zum Ehrenbürger ernannt. Er engagierte sich auch als Schularzt, im Samariterverein und war vor allem als Altersheimarzt und Vorstandsmitglied eine prägende Figur. «Ich war lange Zeit der einzige Arzt für die Institution und an 24 Stunden pro Tag und 365 Tage pro Jahr erreichbar», schaut er auf diese Zeit zurück. Und als Mitglied des Vorstands stach er gleich zu Beginn tüchtig in ein Wespennest. «Die damalige Pflege war völlig ungenügend. Ich habe das kritisiert, darauf gab es einen grossen Knall», erzählt er. Auf der einen Seite der Heimleiter und die Präsidentin, auf der anderen Seite der Heimarzt und der übrige Vorstand. Furrer gewann den Machtkampf. Das Heim bekam eine neue Leitung. Und konnte sich zu einer modernen Institution wandeln. «Es war keine einfache Zeit für mich, aber ich konnte nicht einfach wegsehen», sagt Furrer heute. Zum Glück stand der Grossteil des Vorstands hinter ihn.

Im Jodlerklub daheim

Sich in verschiedenen Funktionen im Dorf zu engagieren, das war für die beiden selbstverständlich. «Wir sind schliesslich Teil des Dorfes», sagen sie. So war Ruth Furrer OK-Mitglied eines Jugendfestes. Oder bereichern die beiden als Mitglieder des Jodelklubs Echo vom Lindenberg so manchen Anlass. Engagieren sich heute als Vizepräsident respektive Aktuarin bei den Jodlern. Mit dem Club sind sie auch regelmässig auf Reisen, sind mit ihm schon zweimal in den USA aufgetreten. «Man kennt und schätzt uns im Dorf», können sie immer wieder erfahren. Umgekehrt fühlen sie sich im Dorf sehr wohl. «Die Lage nahe der Natur und dem See, die Menschen, die vielen Anlässe, hier lässt sichs leben. Das Dorf ist trotz des Wachstums intakt geblieben, man kennt sich», sagen sie. Und darum wollen sie von hier auch nicht mehr weg.

Von den Salomonen zurück in die heile Welt

Weg waren sie aber schon einmal. Sechs Monate lebte und arbeitete das Paar auf der Salomonen-Insel Malaita. Unter einfachsten und teilweise widrigsten Umständen haben sie sich um das Wohl der Menschen gekümmert. «Ich wollte schon immer mal etwas in der Entwicklungshilfe machen. Wollte wissen, wie es ist, als Mediziner mit einfachsten Mitteln zu arbeiten. Eine fremde Welt kennenlernen. Nach der Übergabe der Praxis war das endlich möglich», sagt Thomas Furrer. Auch Ehefrau Ruth war ein solcher Einsatz ein tiefes Bedürfnis und was sie auf den Salomonen erleben durften, lässt sie dankbar und demütig ihre wunderschöne Heimat umso mehr schätzen. Sie möchten den Einsatz nicht missen, auch wenn sie viele belastende Momente erlebt haben. «Es hat uns nicht ‹gefallen›», sagen sie heute. «Aber das war auch nicht das Ziel. Wir wollten anderen helfen.» Der Einsatz war ein Kulturschock, die Rückkehr dann nochmals. Von den einfachsten Verhältnissen auf der Pazifik-Insel zurück in die moderne Welt mit all ihrem Luxus. Die Erinnerungen an die sechs Monate sind in ihrem Haus noch immer präsent. Und in ihren Köpfen und Herzen.

Jetzt geniessen sie die Zeit in Sarmenstorf. Von ihrer Terrasse aus haben sie einen wunderbaren Blick auf das Dorf. Hier empfangen sie auch gern und oft Gäste. Thomas und Ruth Furrer, sie fühlen sich längst als Einheimische. Nicht erst seit der Erteilung des Ortsbürgerrechts und der Ernennung zu Ehrenbürgern. «Es klingt vielleicht blöd, aber hier ist noch immer etwas heile Welt», sagen sie. Darum haben sie auch beim Apéro nach der «Gmeind» gerne die Getränke offeriert. Auch wenn diese wegen dem Thema Kunstrasen einen Rekordauflauf erlebte. «Mit all den Leuten anstossen zu können, das war ein schöner Moment», sagen sie zum Schluss.


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