Mehr als angekommen
22.05.2026 Kallern, Region Oberfreiamt, Parteien, PolitikAlain Bütler, SVP, ist der dienstjüngste Grossrat des Bezirks Muri
Ein zusätzlicher Sitz für den Bezirk Muri. Ein dritter Sitz für die SVP. Seit Anfang 2025 sitzt Alain Bütler im Grossrat. Auf der Zugfahrt nach Aarau erzählt er unter ...
Alain Bütler, SVP, ist der dienstjüngste Grossrat des Bezirks Muri
Ein zusätzlicher Sitz für den Bezirk Muri. Ein dritter Sitz für die SVP. Seit Anfang 2025 sitzt Alain Bütler im Grossrat. Auf der Zugfahrt nach Aarau erzählt er unter anderem, wie sich sein Alltag dadurch verändert hat und welche politischen Ziele er verfolgt.
Annemarie Keusch
Er erscheint knapp. Wie quasi alle. 6.42 Uhr am Bahnhof Boswil-Bünzen. Der Anzug sitzt. Ausser der Laptop-Tasche hat er nichts dabei. «Ich versuche so gut wie möglich, digital zu arbeiten», sagt Alain Bütler. Er geht in Richtung südliches Ende des Perrons. «Hier ist meistens der Einstieg für die erste Klasse», sagt er. Das leiste er sich jeweils für die Fahrt nach Aarau an die Grossratssitzungen. Um etwas mehr Platz und Ruhe zu haben, um die traktandierten Themen nochmals genau durchzugehen, um Zeitung zu lesen. An diesem Morgen ist auch die erste Klasse voll. Sitzplätze gibt es nicht für alle. Vorher sei er weniger im Zug anzutreffen gewesen. Auch an die ersten beiden Grossratssitzungen vor über einem Jahr fuhr er mit dem Auto. «Das Verkehrschaos auf dem Rückweg ins Freiamt war aber beide Male gross.» Sodass er Zeit verlor – bis zu einer Stunde im Vergleich mit dem Direktzug.
Hinzu kommt der Aspekt der Sicherheit. «Nach einem prall gefüllten Grossratstag ist der Kopf voll. Sich dann noch auf die Strasse zu konzentrieren, wenn der Verkehr derart gedrängt ist, das ist nicht einfach.» Mittlerweile geniesse er es, im Zug abschalten zu können.
Landwirtschaft und Steuern
Das Zugfahren hat sich eingependelt. Wie überhaupt alles, was in Verbindung mit dem Amt im Grossen Rat neu wurde. Seit seinem Amtsantritt ist über ein Jahr vergangen. «Gewisse Prozesse erlebe ich nun schon zum zweiten Mal.» Etwa den Jahresbericht samt Rechnung. Der SVP-Politiker ist nicht mehr ganz neu. Wie Vorstösse zu formulieren sind. Wie sie einzureichen sind. Wie die Arbeit in der Kommission aussieht. Die vielen neuen Begriffe. All das weiss er längst. Bütler nahm Einsitz in der Kommission für Volkswirtschaft und Abgaben. Was trocken tönt, entsprach seiner Wunschkommission. «Landwirtschaft und Steuern. Das sind meine Bereiche, meine Steckenpferde.» Er ist Agronom, Informatiker – liebt die Landwirtschaft und die Zahlen, arbeitet beim Bauernverband und betreibt zusammen mit seiner Partnerin und seinen Eltern den elterlichen Hof in Unterniesenberg.
Natürlich hat die Tätigkeit als Grossrat Einfluss auf seinen Alltag. Er ist weniger auf dem Hof als vorher. «Aber zum Glück sind die Termine als Grossrat gut planbar.» Die Sitzungen sowieso, jene in den Kommissionen auch. «Und dennoch, gerade wenn schönes Wetter ist, wäre ich lieber auf dem Feld als im Grossratsgebäude», gibt der 30-Jährige unumwunden zu. Gefehlt habe er aber noch nie. Was sich zudem verändert hat? «Ich erhalte mehr Post», sagt er und lacht. Institutionen verschicken ihre Jahresberichte. «Ich wusste gar nicht, dass es so viele Verbände gibt.» Der Papierkrieg sei dabei enorm. Und er werde mehr eingeladen. An Generalversammlungen, an Anlässe. Das Netzwerk wurde grösser, natürlich kantonal. Aber auch in der Region, etwa durch Einladungen der Repla Oberes Freiamt und der Vereinigung der Gemeindeammänner des Bezirks.
Spass, aber primär auch Arbeit
Die Haltestellen ziehen nur so vorbei. Selten steigt jemand aus. Stattdessen steigen immer mehr Leute ein – auch in die erste Klasse. Ausser des Interviews ist es ruhig im Waggon. Das stört den jungen Politiker nicht. Schliesslich will er mit seinen Anliegen gehört werden.
Das ist auch im Grossrats-Saal nicht anders. Das Wort zu ergreifen, das scheut Bütler nicht. «Ja, die Tätigkeit im Grossen Rat macht Spass, aber es ist in erster Linie auch Arbeit», betont er dabei. Interpellationen hat er bereits eingereicht, bald auch Mehrheiten für einen eigenen Vorstoss zu finden, das ist das Ziel. «Aber das braucht Geduld. Eine erste Wissensbasis ist in den rund eineinhalb Jahren gelegt. Darauf lässt sich aufbauen.»
«Met Herzbluet för euses Freiamt» – das ist Alain Bütlers Slogan. Themen, die ganz konkret das Freiamt betreffen, hat er zwar noch keine lanciert. «Aber beispielsweise von der Steuersenkungen profitieren alle, auch die Freiämterinnen und Freiämter.» Bütler erwähnt aber die Interpellationen, die er etwa im Bereich Landwirtschaft eingereicht hat. «Das war mein Wahlversprechen und das halte ich auch.»
Seine eigene Meinung bilden
Auch hier, Bütler setzt auf seine politischen Steckenpferde. «Da muss man sich selbst gegenüber ehrlich genug sein.» Themen zu beackern, die ihm nicht liegen, zu denen ihm der Hintergrund fehlt – «das liegt zeitlich schlicht nicht drin.» Alle Hunderten von Seiten zu lesen, das schaffe kaum jemand. «Man muss priorisieren und sich aufeinander verlassen können.» Das sei der Vorteil der SVP, der grössten Partei im Grossen Rat. «Wir haben Experten in quasi allen Bereichen.» Heisst aber nicht, dass sich Bütler nicht zu vielen Themen eigene Gedanken macht, eine eigene Meinung bildet. «Das ist mir wichtig.»
Mehr im Zug, mehr lesen, mehr in Aarau – so lässt sich die Veränderung in Alain Bütlers Alltag salopp zusammenfassen. Gute Planung sei wichtig. Um das Privatleben neben den zahlreicheren Abendterminen nicht zu vernachlässigen. Und um die Politik rund um die Berufe in der Landwirtschaft stemmen zu können.
Weiteres kommt von allein
Die Basis ist gelegt. Wissen, Netzwerk, Kontakte hat Alain Bütler mittlerweile. Das Leben für die Landwirtschaft und das Gewerbe im Kanton leichter machen, das ist sein Ziel. Auf diesem Weg befindet er sich. «Es gefällt mir, mitzugestalten. Auch wenn ich weiss, dass mein Einfluss als einer von 140 nicht riesig ist.» Dennoch fühle er sich am richtigen Ort. Und er kann sich durchaus vorstellen, dereinst noch weiterzugehen, in Richtung nationales Parlament. «Weil ich weiss, dass vieles dort geregelt wird und in den Kantonen kaum beeinflusst werden kann.» Der Fokus liegt aber auf der Arbeit in Aarau. «Wenn ich diesen Job gut mache, dann kommen nächste Schritte von allein.»
Längst ist der Direktzug in Aarau angekommen. 25 Minuten reichen für ein solches Gespräch eben nicht. Alain Bütler nimmt sich Zeit, noch eine Viertelstunde am Bahnhof weiterzureden. Dann geht es los in Richtung Aargauerplatz und Regierungsgebäude. Die Grossratssitzung ruft.

