Mit Gesang in der Bogenhalle
31.07.2026 Muri, Schule, PorträtKinder sind noch gleich
Thomas Probst ging in Pension
Seit 15 Jahren gehörte Thomas Probst zum Lehrerteam des Schulhauses Kloster in Muri. Schon fast sein ganzes Leben lang ist er Lehrer. «Vieles hat sich verändert, nicht aber die ...
Kinder sind noch gleich
Thomas Probst ging in Pension
Seit 15 Jahren gehörte Thomas Probst zum Lehrerteam des Schulhauses Kloster in Muri. Schon fast sein ganzes Leben lang ist er Lehrer. «Vieles hat sich verändert, nicht aber die Kinder», sagt er. Wenn das Schuljahr in gut einer Woche wieder startet, wird nicht nur der frisch pensionierte Thomas Probst fehlen, sondern in Muri auch die Einschulungsklasse. --ake
Fast sein ganzes Berufsleben war Thomas Probst Lehrer – die letzten 15 Jahre im Schulhaus Kloster
Schon nach dem ersten Jahr war er fertig mit den Nerven. Und trotzdem ist Thomas Probst immer Lehrer gewesen. Zwischenzeitlich an der Steiner-Schule kam er 2011 ins Schulhaus Kloster in Muri. «Ich wusste sofort, dass ich bleiben will bis zur Pensionierung.» Das hat Thomas Probst auch getan.
Annemarie Keusch
Längst sind Schlüssel und Laptop abgegeben. Das Zimmer ist aufgeräumt. «Bei einigen Dingen halfen die Schülerinnen und Schüler mit», sagt Thomas Probst. Sie sortierten beispielsweise die Plastik-Münzen oder die Farbstifte. Vieles hat Probst aber selbst gemacht. Gesichtet, was sich in den Jahren angesammelt hat, alle Kästen herausgeputzt. «Es soll alles bereit sein für die erste Klasse, die künftig in diesem Zimmer unterrichtet wird», sagt er.
Eine Einschulungsklasse, wie er sie die letzten zwei Jahre hier unterrichtete, gibt es in Muri nicht mehr. «Aus der Optik der Kinder ist das sehr schade», sagt Probst. Das tiefere Tempo habe vielen gut getan. Zudem ist Probst überzeugt: «Für viele ist es nach dem Kindergarten schlicht noch zu früh für die erste Klasse.» Das Spielerische noch ein Jahr länger ausleben, für die Schule reifen – «gerade seit das Einschulungsdatum vorverschoben wurde, wäre das für viele Kinder der richtige Weg.» Probst weiss aber auch, dass sich viele Eltern dagegen wehren, wenn ihr Kind für die Einschulungsklasse empfohlen wird. Künftig ist das in Muri kein Diskussionsthema mehr, weil es die Einschulungsklasse schlicht nicht mehr gibt.
Schnapsmatritze noch miterlebt
Wenn das neue Schuljahr in gut einer Woche startet, wird es stiller sein im Schulhaus Kloster. Zumindest morgens in der Bogenhalle. Hier sang Thomas Probst jeden Morgen. «Manchmal ein Choralgesang, manchmal erfand ich irgendetwas», sagt er und lacht. Es sei ein magischer Ort, der ihn zum Singen bringe. Mit ein Grund, weshalb er vor 15 Jahren wusste, dass er möglichst bis zur Pensionierung hier als Lehrer tätig sein will. «Ein toller Ort, ein tolles Team», fasst er es zusammen. So lange wie in Muri, blieb Probst vorher nirgends. Überhaupt, dass er fast sein ganzes Leben lang als Lehrer tätig sein würde, darauf deutete anfangs wenig hin.
So war es aber. Das wird an nur einem Beispiel deutlich. Als junger Lehrer vervielfältigte Probst Unterlagen mit der Schnapsmatritze. Der Kopierer ist indes seit Jahrzehnten zur Normalität geworden. «Was sich nicht verändert hat, sind die Kinder. Sie sind nach wie vor sehr lebendig, sehr direkt, strahlen grosse Freude aus und sind jeden Tag frisch und lehren einen damit, im Moment zu leben.» Rundherum habe sich aber nicht nur materiell viel verändert. «Der Druck auf die Kinder nimmt stetig zu, es wird immer mehr von ihnen verlangt.» Da sei die Schule ein Spiegel der Gesellschaft. «Die Kinder sollen möglichst früh schon alles können. Je früher, desto besser. Wie bei den Erdbeeren, die man schon im Februar haben muss.»
Einsamer Start als Lehrer
Thomas Probst ist als Lehrer im Schulhaus Kloster äusserst beliebt. Bei seinen Kolleginnen und Kollegen, aber auch bei der Schülerschaft. «Ich lasse die Kinder machen, greife weniger ein. Früher war das anders.» Es ist eine von vielen Entwicklungen, die er als Lehrer erlebt. Einst besuchte er das Lehrerseminar in Sargans. «Fünf Jahre Ausbildung, davon vier quasi nur im Bereich der Allgemeinbildung. Auch die Rekrutenschule war in dieser Zeit. Die pädagogische Ausbildung war auf zehn Monate beschränkt.» 21-jährig war er, als er in Berschis seine erste Klasse unterrichtete. Seine kleine Wohnung war im Schulhaus untergebracht. «Keine einfache, weil sehr einsame Zeit», erinnert er sich. Und schon nach einem Jahr sei er fertig gewesen mit den Nerven. «Ich wurde der Klasse nicht Herr, war überfordert und fühlte mich als Versager.»
Dass er bis zur Pension Lehrer bleiben würde, das hätte er damals nie gedacht. «Zum Glück wurde es von Jahr zu Jahr besser. Anfänglich interessierte mich der Unterrichtsstoff mehr als die Kinder. Auch das hat sich glücklicherweise früh gewandelt.»
Kloster und Winter imponierten ihm
Nach den Erfahrungen in Berschis kehrte Probst dem Bildungswesen für kurze Zeit den Rücken, studierte Kirchenmusik und Gesang in Luzern. «Aber mein Können reichte nicht. Das war durchaus eine enttäuschende Erfahrung.» Es ging zurück in die Klassenzimmer. Nach Mühlehorn am Walensee, wo wegen des Familiennachzuges der Geflüchteten aus dem Balkankrieg plötzlich über 30 Kinder im Schulzimmer sassen, sieben davon ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. «Das gefiel mir, weil Kreativität gefragt war.»
Neue Wege gehen, Unbekanntes wagen – das gehört zu Thomas Probsts Biografie. Einige Jahre war er durch verschiedene Stellvertretungen viel unterwegs, unterrichtete zwischenzeitlich auch Asylsuchende. Und eine solche Stellvertretung war es auch, die ihn erstmals nach Muri brachte. An einer Geburtstagsfeier lernte er eine Lehrerin kennen, die in Muri tätig war und jemanden suchte, der drei Wochen für sie einsprang. Probst tat genau das. «Es war Winter, das Kloster und die verschneite Landschaft imponierten mir.» Und als sie wenige Wochen später anrief, es sei nun eine Stelle frei, kam er per Festanstellung nach Muri. 13 Jahre als Erstklasslehrer in einem 100-Prozent-Pensum und zuletzt zwei Jahre 80 Prozent als Lehrer der Einschulungsklasse.
Sieben Jahre an Steiner-Schule
Dazwischen schlug Probst aber auch andere Wege ein. Er absolvierte in Zürich den Einführungskurs der Steiner-Pädagogik. «Es zog mir den Ärmel rein. Weil hier die grossen Fragen des Lebens gestellt wurden.» Zwei Jahre Ausbildung in Mannheim und das Engagement an der Steinerschule in Baar folgten. «Zwischen Genialität und Wahnsinn», so beschreibt Probst die Steiner-Pädagogik heute. Sieben Jahre blieb er in Baar. «Nachher war ich moralisch, finanziell und gesundheitlich kaputt.» Weil Lehrer und Eltern Mitbesitzer der Schule waren, war vieles sehr komplex. Missen möchte Probst diese Erfahrung aber keinesfalls. Trotzdem sagt er: «Ich finde, dass Kinder an der staatlichen Schule besser aufgehoben sind. Weil hier die ganze Gesellschaft abgebildet ist und nicht nur jene, die sich eine solche Schule leisten kann.»
Nun ist Thomas Probst in der Pension angekommen. «Ich habe mich durchaus darauf gefreut», sagt er und lacht. Darauf, keine Termine mehr zu haben. Darauf, der Gesundheit mehr Aufmerksamkeit zu schenken. «Die Kinder werden mir sicher fehlen», sagt er. Dann, wenn in gut einer Woche das Schuljahr startet und Thomas Probst zu Hause bleibt. Die Verbindungen nach Muri indes will er weiterhin pflegen. Die Yoga-Stunden. Und das Glocken-Läuten in der Klosterkirche. «Etwas sehr Meditatives.» Hinzu kommen zwischenmenschliche Kontakte. «In 15 Jahren ist eine enge Bindung zu diesem Ort und den Menschen entstanden.» Eine, die mit der Pensionierung nicht sofort abreisst.


