«Musiker müssen alles hinterfragen»
14.08.2026 Region Oberfreiamt, Musik, JugendDavid Hubov möchte mit dem Jugendorchester Freiamt (JOF) verschiedene Epochen und Komponisten entdecken
Mit zwei Konzerten hat sich David Hubov als neuer Leiter des JOF präsentiert. Das Programm «Fiesta Mexicana» hat er noch von seiner Vorgängerin ...
David Hubov möchte mit dem Jugendorchester Freiamt (JOF) verschiedene Epochen und Komponisten entdecken
Mit zwei Konzerten hat sich David Hubov als neuer Leiter des JOF präsentiert. Das Programm «Fiesta Mexicana» hat er noch von seiner Vorgängerin übernommen. In seinem ersten eigenen Programm will er dem Barock auf die Spur gehen.
Thomas Stöckli
David Hubov, Sie haben als Leiter des Jugendorchesters Freiamt (JOF) übernommen. Wie kam es dazu?
Ich wurde vom Künstlerhaus kontaktiert und habe mich sehr über die Anfrage und das Vertrauen gefreut. Berührungspunkte zum Künstlerhaus bestanden durch einige meiner Kolleginnen und Kollegen, welche beim JSAG (dem Jugend-Sinfonieorchester Aargau, Anm. d. Redaktion) mitgespielt, sowie einige junge Musikerinnen und Musiker, die schon im JOF mitgewirkt hatten. Man kennt die Einzigartigkeit vom Künstlerhaus Boswil und ich finde es schön, ein kleiner Teil davon sein zu dürfen.
Das erste Konzertprogramm haben Sie von der Vorgängerin übernommen – wie haben Sie das erlebt?
Es war für mich nicht das erste Mal, dass ich ein Programm übernommen habe, das nicht von mir gestaltet war. Das JOF ist das dritte Orchester, das ich dirigiere. Das Programm «Fiesta Mexicana» fand ich musikalisch unglaublich toll. Besonders spannend auch, dass der Arrangeur selbst am Kontrabass mitgewirkt hat. Ziel war es, zwei gelungene Konzerte zum sommerlichen Abschluss zu spielen, nach einem Semester, das ganz im Zeichen stand, das Ensemble zusammenwachsen zu lassen und neues Vertrauen aufzubauen. Und das ist uns gelungen.
Sie waren ursprünglich als Interims-Leiter angekündigt. Wie langfristig planen Sie mit dem JOF?
Das ist richtig, wir mussten uns zuerst kennenlernen und schauen, ob es passt. Jetzt freue ich mich auf viele, viele Jahre. Das JOF ist ein wichtiges Projekt des Künstlerhauses und bedeutend für die ganze Region. Es ist eine schöne Verantwortung und mir ein Herzensanliegen, das Ensemble weiter zu stärken.
Welche Erkenntnisse konnten Sie in der bisherigen Zusammenarbeit erlangen?
Die Jugendlichen bringen unglaublich viel Energie mit und Neugierde. Zudem sind sie während der Proben und Konzerte sehr wachsam und konnten sich schnell auf mein Dirigat einlassen und reagieren. Durch genau diese Flexibilität ergaben sich zahlreiche musikalisch besondere Momente. Es ist schön, sie alle kennenzulernen, und auf alles Weitere freue ich mich sehr!
Was sind Ihre Ziele mit dem JOF? Worauf werden Sie den Fokus richten?
Wir sind gerade dran, ein neues Programm fürs nächste Jahr zu erarbeiten. Es heisst «Auf den Spuren des Barocks». Da freue ich mich sehr darauf. Ein musikalisches Ziel ist es, zusammen verschiedene Epochen und Komponisten zu entdecken. Das können auch mal weniger bekannte Stücke sein, aber Stücke, die Lust machen, zu spielen und zuzuhören. Wichtig ist mir, das «Wir-Gefühl» zu stärken. Die Orchestermitglieder sollen wissen, dass jeder und jede wichtig und in der eigenen Selbstständigkeit gefordert ist. Wenn alle am gleichen Strang ziehen, kann man enorm viel bewegen. Da zählt jede einzelne Stimme, unabhängig vom Spielniveau. Die Jugendlichen sollen lernen, einander zuzuhören und sich gegenseitig zu unterstützen. Etwas zu leisten, auf das sie stolz sein können, wirkt enorm motivierend und über die Musik hinaus bestärkend.
Sie haben die Lust am Spielen angesprochen. Was zeichnet Stücke aus, die diese Lust wecken?
Eine sehr gute Frage. (Er überlegt einige Sekunden.) Stücke, die die Neugierde wecken. Passagen, die anspornen, sie selbst spielen zu können. Meine Aufgabe ist es, Stücke zu finden, die fördern, aber auch fordern. Mit jedem Stück soll sich eine neue Tür öffnen. Das Programm verspricht Abwechslungsreichtum und grosse Spannung.
Hatten Sie selbst auch schon solche Türöffnungs-Momente?
Ganz viele. (Er lächelt.) Eine grosse Tür ging für mich auf, als ich mich in historische Aufführungspraxis vertieft habe. Wenn man Werke aus dem Barock, beispielsweise von Vivaldi oder von Bach, auf Geigen mit Darmsaiten und einem Barockbogen spielt, wie das damals üblich war. Das gibt ein ganz anderes Klangbild. Oder die Stimmung auf 415 Hertz statt der heute üblichen 442, da klingt alles einen Halbton tiefer. Anhand der historischen Quellen aus dieser Zeit ergeben sich auch zahlreiche Aufschlüsse, wie die Musik zu dieser Zeit interpretiert worden war.
Was konnten Sie davon mitnehmen fürs JOF?
Etwas vom Wichtigsten ist es für Musiker, die Dinge stets zu hinterfragen. Das meine ich im Positiven: Auf der Suche sein und immer einen Schritt weiter zu gehen. Mit dem JOF zusammen will ich auf diese Suche gehen: Wie kriegen wir den Klang hin, der dem Komponisten gerecht wird? Wie bringen wir das, was auf dem Notentext steht, in den Konzertsaal? Das kann bedeuten, dass die Bässe mal etwas mehr führen. Welche Auswirkung hat das dann auf die zweite Geige? Und welche Stimme hat welche Rolle? Der Nährboden für diese Auseinandersetzung sind Neugierde und Offenheit. Im JOF sind die Voraussetzungen dafür aufs Schönste gegeben. Die jungen Musikerinnen und Musiker sind sehr stolz auf ihr Ensemble. Ich freue mich, gemeinsam mit den Jugendlichen die Identität des JOF weiter mitgestalten zu dürfen.
Mit welchem Gefühl sollen die Konzertbesucher nächsten Sommer aus der Alten Kirche kommen?
Sie sollen sich schon fragen, wann das nächste Konzert stattfindet. Das JOF soll sein Publikum an die Hand nehmen und mit einem Hörerlebnis in ganz andere Welten führen. Dabei sollen die Zuhörerinnen und Zuhörer die Zeit für eine Stunde vergessen. Wenn das Publikum aufmerksam ist, spürt man dies als Dirigent im Rücken. Das ist ein schöner Moment. Ein Moment, in dem sich die Gemeinschaft des Orchesters aufs Publikum übertragen und im ganzen Saal ausbreiten kann. Solche Momente will ich mit dem JOF erleben.
Zur Person
David Hubov ist in Arbon, Thurgau, aufgewachsen. Schon sehr früh begann er seine musikalische Laufbahn am Klavier. Mit sieben Jahren wechselte er zur Geige. Sein Geigenlehrer Leo Gschwend war gleichzeitig Chorleiter und Dirigent. «Diese Vielfalt hat mich sehr geprägt», sagt Hubov. So gehörte für ihn auch das Musizieren im Orchester von Anfang an dazu.
Nach der Sekundarschule trat Hubov an die Kunst- und Sportklasse Kreuzlingen über, die eine Zusammenarbeit mit dem Konservatorium in Winterthur pflegt. Nach der Matura schloss er in Luzern den Bachelor und den Master in Performance ab, sowie den Minor in Orchesterleitung. Aktuell absolviert er an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) den Masterstudiengang in Musikpädagogik.
David Hubov ist Mitglied des Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchesters (SJSO) und musiziert in verschiedensten Barockensembles und Kammermusikformationen. Nebst dem JOF leitet er das Baarer Kammerorchester (BKO) und das Seniorenorchester Pro Senectute Thurgau.

