«JSAG-Tag besonderer Güte»
11.08.2026 Region Unterfreiamt, Boswil, Jugend, Musik, Kommende EventsJugend-Sinfonieorchester Aargau: Konzert in Boswil, Film-Vorpremiere in Sins
Eine volle Alte Kirche am Vormittag in Boswil. Und ein fast leeres Kino am Nachmittag in Sins. Das Jugend-Sinfonieorchester Aargau (JSAG) begeistert beim Konzert und gewährt im Film ...
Jugend-Sinfonieorchester Aargau: Konzert in Boswil, Film-Vorpremiere in Sins
Eine volle Alte Kirche am Vormittag in Boswil. Und ein fast leeres Kino am Nachmittag in Sins. Das Jugend-Sinfonieorchester Aargau (JSAG) begeistert beim Konzert und gewährt im Film «Unisono» tiefe Einblicke in den Prozess, wie aus bis zu 70 jungen Musikerinnen und Musikern ein Orchester wird.
Annemarie Keusch
Moderator Andreas Gnädinger sagt es fast entschuldigend. Dass nur rund 20 Personen im Kinosaal sitzen, wenn er dem Regisseur Georges Gachot und dem JSAG-Dirigenten Hugo Bollschweiler Fragen stellt, sei vor allem mit dem Wetter zu erklären. «Die Schweizer gehen im Sommer einfach kaum ins Kino.» Dabei machte Künstlerhaus-Geschäftsführerin Nina Fleischle schon am Morgen vor dem Konzert genau diesbezüglich Werbung: «Das Kino ist klimatisiert.» Für Gachot und Bollschweiler indes ist das kleine Publikum sekundär. Dass eine Zuschauerin nach dem Film meint, sie sehe klassische Konzerte künftig mit anderen Augen, ist genau das, was Regisseur Gachot erreichen wollte.
Gachot macht selbst seit dem fünften Lebensjahr Musik. Entsprechend nah ist dem Dokumentarfilmer dieses Metier. «Unisono» entstand dann trotzdem relativ spontan. Weil sein Sohn Teil des Orchesters war, sprach Dirigent Bollschweiler ihn darauf an. «Darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet», erzählte Gachot. Mit einfachen Mitteln – beispielsweise nur einer Kamera – war er dann während der Probewoche im Sommer 2020 im Künstlerhaus vor Ort. «Ein Erlebnis, weil ich mitten im Orchester war, als wäre die Kamera mein Instrument», blickt er zurück. Erst im Januar dieses Jahres feierte der Film dann Weltpremiere an den Solothurner Filmtagen. «Das Material lag vier Jahre in einer Schublade, bevor daraus der Film entstand», gesteht Gachot. Am 27. August nun kommt «Unisono» ganz offiziell in die Schweizer Kinos.
Ein Körper, viele Organe
Ein Film, der ganz tiefe Einblicke in das Jugend-Sinfonieorchester Aargau gewährt und zeigt, wie aus gegen 70 jungen Musikerinnen und Musikern ein Orchester entsteht. Ein Miteinander. Was es dafür braucht? «Viel Vertrauen», sagt Dirigent Hugo Bollschweiler. Damit sich alle wohlfühlen, sich selbst sein können und das beitragen, wozu sie in diesem Moment fähig sind. Vom Musikschüler, bis zur Musikstudentin, das Niveau ist bei allen hoch, aber eben unterschiedlich hoch. «Vertrauen ist der Humus, auf dem Musik wachsen kann», formuliert es Hugo Bollschweiler.
Eine junge Musikerin beschreibt es in «Unisono» als Welle, die durch den Körper und durch das ganze Orchester geht. Eine andere spricht davon, eine bessere Version ihrer selbst zu sein, wenn sie Musik machen kann. Wieder jemand spricht vom Jugend-Sinfonieorchester als gute Schulung in Disziplin. Und Dirigent Bollschweiler fasst es so zusammen: «Das Orchester ist wie ein einziger Körper mit ganz vielen Organen. Jede Musikerin und jeder Musiker steht für eines.» Seit 2005 gibt es das JSAG. Zweimal jährlich treffen sich bis zu 20 Musikerinnen und Musiker zwischen 16- und 26-jährig für eine Intensivwoche am Künstlerhaus Boswil – samt anschliessender Tournee.
Hindernisse gehören dazu
«Unisono – Von der Liebe zur Musik» zeigt den Weg, den sie alle während dieser Woche miteinander gehen. Und genau das gefällt dem Dirigenten. «Der Film beleuchtet den Prozess. Das Konzert am Schluss wird gar nicht gezeigt. Stattdessen ist es der Weg, zu dem Hindernisse auch dazugehören. Das berührt mich, weil spürbar ist, dass nicht alle Ecken abgeschliffen und poliert wurden.» Georges Gachot ist dabei ganz nah an die jungen Musikerinnen und Musiker herangekommen. Nicht nur mit dem Objektiv. Ihre Begeisterung wird spürbar. Ihre Grosszügigkeit, den Regisseur und damit das Kinopublikum an ihrer Liebe zur Musik teilhaben zu lassen. Und es wird auch deutlich, wie vielfältig die klassische Musik ist. Gerade beim durchaus experimentellen Projekt, das das JSAG im Sommer 2020 mit dem finnischen Komponisten und Jazzpianisten Iiro Rantala realisierte. Hugo Bollschweiler sagt darum: «Ich wünsche allen jungen Musikerinnen und Musikern, dass sie Vertrauen haben, ihren eigenen Weg zu gehen. Auch wenn dieser vorher noch von niemandem beschritten wurde.»
«Faszinierende Klangreise»
Wie es tönt, wenn das Orchester entstanden ist, hörten die vielen Besucherinnen und Besucher. In der vollen Alten Kirche in Boswil gab das JSAG «Odyssee» zum Besten. Angekündigt wurde eine «faszinierende Klangreise zwischen Nacht, Meer und persönlichem Aufbruch.» Mit Luigi Dallapiccolas «Piccola musica notturna» wurde das Publikum in eine einsame, verlassene Stadt mitgenommen. «Meeresstille und glückliche Fahrt» von Felix Mendelssohn ist die Vertonung zweier Mozart-Gedichte. Mendelssohn begegnete Mozart auf einer seiner Reisen – auf seiner Odyssee quasi. Und zum Programm gehörte auch Amy Beachs «Symphony in E Minor, The Gaelic».
Am Morgen live am Konzert, am Nachmittag im Filmprojekt – das JSAG lieferte «einen Tag besonderer Güte», wie es Hugo Bollschweiler formulierte.
Weitere Konzerte: 14. August, 19.30 Uhr, St. Jakob Zürich; 16. August, 17 Uhr, Kuk Aarau; 21. August, 19.30 Uhr, Schloss Lenzburg. Rund um die Konzerte ist «Unisono – Von der Liebe zur Musik» jeweils zu sehen.


