Kreatives Potenzial geweckt
29.05.2026 Muri, Schule, JugendSt. Galler Examen: Beeindruckende Vielfalt an Abschlussarbeiten an der SeReal
Ein eigenes Projekt planen, umsetzen und präsentieren: Im Projektunterricht trainieren Jugendliche wichtige Fähigkeiten für ihren weiteren Lebensweg. Die Resultate können ...
St. Galler Examen: Beeindruckende Vielfalt an Abschlussarbeiten an der SeReal
Ein eigenes Projekt planen, umsetzen und präsentieren: Im Projektunterricht trainieren Jugendliche wichtige Fähigkeiten für ihren weiteren Lebensweg. Die Resultate können sich sehen lassen.
Thomas Stöckli
Ein Abschlussprojekt ist zu gross, um in der Präsentation gezeigt werden zu können. Kilian hat einen alten Einachser zum Pick-up erweitert, mit Holzsitzbank und offener Ladefläche. Das Resultat zieht neben dem Eingang zum SeReal-Schulhaus Bachmatten staunende Blicke auf sich. Im Schulhaus drinnen können die Ergebnisse aus dem Gestaltungsunterricht bestaunt werden: Genähte Teddybären und Weihnachtsbäume, geschreinerte Bienenhotels und Nistkästen, im ersten Stock folgen Modell-Nachbauten der Chinesischen Mauer, des Burj Khalifa und des Konzentrationslagers Auschwitz. Jedes einzelne der ausgestellten Objekte steht für die Gestaltungskraft der Schülerinnen und Schüler, in der Summe machen sie das kreative Potenzial der Jugendlichen aus Muri und Umgebung deutlich.
Aufwendige Projekte
In den Obergeschossen steigt gegen 19 Uhr die Nervosität an. Jetzt treffen die Jugendlichen ein. Manche gehen noch einmal ihre Präsentation durch, andere versuchen sich abzulenken. Die Präsentationsräume für das St. Galler Examen füllen sich langsam. Eltern, Kollegen und auch Lehrpersonen nehmen auf den bereitgestellten Stühlen Platz. In acht Zimmern sind je zehn Präsentationen angesetzt. Luca zeigt sein Trike – ein motorisiertes Dreirad – das er mit grossem zeitlichem und finanziellem Aufwand selbst kreiert hat. Florentina hat aus ausgedienten Jeans Kissen designt, Franco ein Ölfass zur Bar umgestaltet.
Ein besonderer Hingucker ist das E-Bike von Francis. In einen bestehenden Rahmen im Cruiser-Stil hat er einen Elektromotor mit Akkupack integriert. In der Gestaltung legte er grossen Wert auf die Details: Als Schaltknauf der Naben-Dreigangschaltung dient eine schwarze Billardkugel, eine Coyote-Comicfigur thront als Galionsfigur ganz vorne auf dem Schutzblech.
Spende für Kinderkrebshilfe
Nebst Kreationen und Upcycling stand soziales Engagement als dritter Projektbereich zur Auswahl, wie Sibylle Fischer als verantwortliche Lehrperson ausführt. Ennio hat zwei Bereiche zusammengenommen mit seinem Spiel, welches er für Leute mit Demenz programmiert hat. Ebenso Fabienne, die einen Verkaufsautomat aufgemotzt hat. Mit ihrem Automaten war sie dann am Maimarkt präsent, um Spielzeug und Süssigkeiten zu verkaufen. Den Erlös – immerhin 240 Franken – spendet sie der Kinderkrebshilfe. «Meine Grossmutter ist an Krebs gestorben», sagt sie in ihrer unterhaltsamen Präsentation.
Vor ihr war Eris dran. Tagsüber noch krankheitshalber abwesend, wollte er sich das Präsentieren seines Projekts nicht entgehen lassen. «Ich durfte das Werkzeug meines Vaters brauchen», verriet er gleich zu Beginn. Das Holz für sein Vogelhäuschen hat er in der Landi besorgt. Nach etwas Anfangsschwierigkeiten berichtete er äusserst anschaulich, wie er sein Objekt im Keller eines Kollegen mit Spraydosen eingefärbt hat. «Das würde ich nicht mehr machen», so seine Erkenntnis: «Die Nachbarn haben wegen des Gestanks reklamiert», sagte er und versichert grinsend: «Aber wir haben alles wieder aufgeräumt.» Das Beste an seinem Projekt: «Es war sehr schnell fertig.»
Rückschläge gehören dazu
Dass nicht immer alles planmässig läuft, ist eine Erfahrung, welche die meisten der Schülerinnen und Schüler gemacht haben dürften. So auch Juri. Seinem Holzbrunnen sieht man an, wie viel Herzblut er aufgewendet hat. Dass das Holz reissen würde, war nicht vorgesehen. Aus der Not hat er eine Tugend gemacht: Mit Holzschnitzeln grundiert, dient der Brunnentrog nun als Hochbeet für Chillis, Cherrytomaten und Rosmarin. Das Einlaufrohr kann so zumindest noch der Bewässerung dienen. Ein definitiver Standort im Quartier sei bereits gefunden und wer will, dürfe dort gerne etwas pflücken.
Mit Fitness und gesunder Ernährung hat sich derweil Malafin befasst. Ein naheliegendes Thema für den begeisterten Handballer. «Was ist gesund? Und was ist zu viel?», so seine zentrale Fragestellung. Im Selbstversuch hat er zum Zmittag auf Leitungswasser als Getränk umgestellt. Spannend fand er auch den Ernährungsvergleich mit Thailand, den er in den Ferien ziehen konnte. «Der Mensch ist, was er isst», hält er in seiner Präsentation philosophisch fest. Oder anders formuliert: Was wir konsumieren, formt unseren Körper und beeinflusst unser geistiges Wohlbefinden.
Gelebtes Miteinander
«Es sind nicht alle für die Schule gemacht», so eine zentrale Erkenntnis im Lehrkörper. Umso grösser ist die Freude, einen Schüler, der nicht mit Bestnoten glänzte, in der Projektarbeit aufgehen zu sehen. Wenn das Mädchen, das vorher in drei Jahren im Unterricht kaum ein Wort sagte, sich plötzlich vor Publikum hinstellen und von ihrem Projekt erzählen kann. Und wenn der Junge, der erst vor anderthalb Jahren in die Schweiz kam, in überraschend verständlichem Deutsch präsentiert.
«Sehr viele haben in diesem Projekt gezeigt, was sie gelernt haben bei uns und was in ihnen steckt», zeigt sich Sylvia Rodel, Schulleitung SeReal, von den Jugendlichen beeindruckt. Und nicht nur von ihnen. Ebenso bereitet ihr das Miteinander aller Beteiligter Freude: «Lehrpersonen der 3. SeReal, die alle motiviert geholfen haben, die BG- und TTG-Ausstellung mit dem Einsatz aller Lehrkräfte dieses Fachs sowie der gegenseitige Respekt der Jugendlichen vor der geleisteten Arbeit war gross. So muss Schule sein», so das Fazit der Schulleiterin: «Zäme för Muri!»


